Experte über Terrorismus in Halle: „Für Rechtsextreme ist der globale Neoliberalismus der Hauptfeind“

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Stephan B. ist eine neue Art Terrorist: Ein nur scheinbarer Einzeltäter, der seine Tat vor einem ihm antreibenden internationalen Online-Publikum verüben wollte.
Der Attentäter von Halle radikalisierte sich in Foren, in denen Rechtsextreme die Ideologie eines Umsturzes verbreiten: Gegen den Feminismus, gegen Minderheiten und Juden — und das globale neoliberale System.
Ein Extremismusforscher mahnt: Deutsche Sicherheitsbehörden müssen lernen, diese globale Online-Bewegung von Rechtsextremen zu beobachten, um weitere Terroranschläge zu verhindern.
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Stephan B., der Attentäter, der am Mittwoch in Halle zwei Menschen umbrachte, nachdem er erfolglos versuchte, eine voll besetzte Synagoge zu stürmen, war ein Einzelgänger — aber kein Einzeltäter.

B. lebte nach ersten Erkenntnissen der Ermittler sozial isoliert, zumindest offline. Online fand der 27-Jährige Anschluss, in internationalen Foren, in denen Frauenhass, Rechtsextremismus und Antisemitismus grassieren. Hier radikalisierte er sich, hier glaubte er Anhänger zu wissen, die ihm bei seiner live übertragenen Terrortat zujubeln würden.

So, wie sie im März dem rechtsextremen Terroristen Brenton T. bei dessen gestreamten Massenmord in zwei neuseeländischen Moscheen zujubelten. Oder Patrick C., der im August 2019 in einem Walmart wahllos 22 Menschen umbrachte und zuvor ein rassistisches Manifest im Forum 8Chan, einem Wallfahrtsort radikalisierter junger weißer Männer, veröffentlichte.

Es ist diese Community, aus der sich der rechtsextreme Terror dieses Jahres, in Halle, in Christchurch, in El Paso, im kalifornischen Poway, speist. Wie sie sich zusammensetzt, was sie antreibt und warum sie ihre Gewaltbereitschaft nun vermehrt in die Tat umsetzen, weiß der Extremismusforscher Mario Dittrich, der für die Amadeu-Antonio-Stiftung die Onlineaktivitäten von Rechtsextremen beobachtet.

Rechtsextremer Terror: Meme-Kultur als Einstiegsdroge

„Diese rechtsextreme, gewaltbereite Community gibt es im Internet seit Jahren“, sagt Dittrich gegenüber Business Insider. „Sie überlebt, weil sie eine post-ironische Kultur verinnerlicht hat: Jede Grenzüberschreitung, jede Grausamkeit wird als Witz abgetan, alles nicht so gemeint.“ Es ist Extremismus, verbreitet in Meme-Form.

Zum einen bewahrten sich die Rechtsextremen so die Möglichkeit, sich zwar als geschmacklos, aber harmlos und unschuldig zu präsentieren. Zum anderen werde Ironie jedoch häufig von Menschen verwendet, die sich an eine neue, auch extreme Identität herantasten. Die Meme-Kultur der Rechtsextremen wirkt also wie eine Einstiegsdroge in die Szene — „die Radikalisierung findet im Hintergrund bereits statt“, sagt Dittrich.

Die Ideologie der Szene ist dabei eine, die sich auch im „klassischen“ Rechtsextremismus findet: ein regressives Geschlechterbild, Frauenhass, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Aus der Mixtur ergibt sich ein Weltbild, in der Frauen, Minderheiten und Juden sich gegen den weißen Mann verschworen haben und diesen verdrängen oder auslöschen wollen.

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„Deus vult“: Rechtsextreme sehen sich als Krieger des Abendlandes

In den globalen Online-Communities habe sich so eine Doktrin des sogenannten Akzelerationismus entwickelt. Ursprünglich bezeichnete diese eine politische Theorie aus dem linken Milieu: Weil der Kapitalismus nach marxistischer Ansicht auf seinen eigenen Untergang hinarbeite, sei es die Aufgabe, diesen Untergang zu beschleunigen.

„Für Rechtsextreme ist nun der globale Neoliberalismus der Hauptfeind“, sagt Dittrich. „Dessen Scheitern wird als unausweichlich angesehen, und es soll beschleunigt werden.“ Auch mit Gewalt, auch mit Terror. In den vergangenen Jahren wurde dieser zwar besprochen, …read more

Source:: Business Insider.de

      

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