Amerikas Realität aus sicherer Distanz: Die „Whitney Biennial“ in New York

Kultur

Die Ausstellung soll den Puls der zeitgenössischen Kunst in den USA fühlen. Heuer umfährt sie jedoch die akuten Spannungen im Land

Am 1. April postete das Online-Kunstmagazin Hyperallergic die Meldung, dass das New Yorker Whitney Museum dringend ein kontroversielles Kunstwerk suche: Anders, hieß es, sei der maue Besucherzustrom zur „Whitney Biennial“, die noch bis 11. August in dem von Stararchitekt Renzo Piano entworfenen Bau am Hudson River zu sehen ist, nicht zu bekämpfen.

Ein Scherz, natürlich – aber doch nicht ganz verfehlt. Denn wer sich die erbitterten Lagerkämpfe bei Themen von Abtreibung und Gazakrieg bis zu Genderfragen und Minderheitenrechten vor Augen führt, die die Vereinigten Staaten im Angesicht einer möglichen Wiederwahl Donald Trumps in Atem halten, der wundert sich, wo die Kontroverse bei der angeblich wichtigsten Momentaufnahme zeitgenössischer Kunst in den USA geblieben ist.

Michael Huber„Woke“, aber müde

Die Überblicksausstellung, die das für amerikanische Kunst zweckgewidmete Museum alle zwei Jahre ausrichtet, hat dabei durchaus einen Ruf aufgebaut: Die Hinwendung zu Identitätsfragen zu sogenannter „Wokeness“ und kultureller Aneignung wurden hier im letzten Jahrzehnt ebenso maßgeblich vorangetrieben wie die Auseinandersetzung mit der Rolle von Financiers und Mäzenen bei der Ausbildung kultureller Wertschätzung.

Die aktuelle Whitney-Biennale (beim Besuch Ihres Rezensenten nicht überlaufen, aber gut frequentiert) führt diese Tradition wohl fort. Doch erscheint die Kunst in einer dicken Schicht der Selbstbezüglichkeit eingepackt: Künstlerinnen wie Julia Phillips erproben etwa den Abguss schwangerer Körper und formulieren dabei irgendwie auch feministische Anliegen. Künstler Isaac Julien schafft eine Videoinstallation mit historischen Skulpturen, um auf Umwegen auf die Nobilität Schwarzer Körper zu sprechen zu kommen. Die Künstlerin Harmony Hammond collagiert gipsgetränkte Verbände auf Leinwand und referenziert dabei Minimalkunst von Frank Stella – aber eben auch Menstruation oder körperliche Verletzung.

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EPA/SARAH YENESEL

Auffallend oft wird auch gemalt – etwa von der aus Bosnien stammenden Maja Ruznic, die 1992 vor dem Krieg floh und in österreichischen Flüchtlingslagern lebte, bevor sie in den USA Fuß fasste: Ihre farbstarken, atmosphärischen Bilder durchweht eine Melancholie, die aber keinen konkreten Ort zu haben scheint.

Für sich genommen können viele Beiträge der Schau durchaus überzeugen – nur fügen sie sich kaum jemals zu einem Statement zur Gegenwart.

Das mag auch an dem verschraubten Konzept der Kuratorinnen Chrissie Iles und Meg Onli liegen: Unter dem Motto „Even Better Than The Real Thing“ wollen sie verschiedene Zugänge zur „Realität“ aneinanderreihen. Da hat eine KI-generierte Superheldinnenfigur (konzipiert von Holly Herndon und Matt Dryhurst) dann ebenso Platz wie gefundenes Strandgut (zur Skulptur assembliert von Karyn Olivier).

Plakativ oder persönlich

Der Idee lässt sich insofern folgen, als Realität immer durch persönliche Empfindungen gefiltert wird, ebenso durch Technik und die Bedeutungen, die Dinge und Materialien mit sich tragen. Eine Kunst, die sich als gegenwärtig versteht, könnte aber von der persönlichen Ebene in eine gemeinschaftliche, politische Sphäre hineinragen.

Diese Synthese gelingt kaum: Bei der Whitney-Biennale bleibt vieles persönlich, während anderes, etwa das im Schlamm versinkende Weiße Haus von Kiyan Williams (*1991, großes Bild) auf der Terrasse gar plakativ wirkt. Nur stellenweise – etwa in Carmen Winants’ Fotowand mit Szenen aus einer Abtreibungsklinik – kommt alles zusammen.

Michael Huber

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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