Arbeiterkammer-Doku im ORF: „Bitte Im B-Bereich Platz nehmen“

Kultur
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ORF 2 zeigte die Doku „Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien“. Der Titel klingt nach Propaganda, dabei versucht der Film einen bewusst neutralen Blick.

* Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends*

 

Er mache „Politik für die Vielen, nicht für die Wenigen“, twitterte Andreas Babler diesen Sommer. Die Formulierung gehört mittlerweile zum Standardrepertoire des SPÖ-Chefs.

Aber auch seine Vorgängerin, Pamela Rendi-Wagner, sagte am 1. Mai – kurz vor ihrer Absetzung: „Wir sind die vielen, wir sind stärker und wir sind unschlagbar!“

Am Sonntagabend fiel eine Doku im späten Abendprogramm auf, die sich „Für die Vielen“ nennt. Es ging um die Arbeiterkammer Wien. Auf den ersten Blick fragten sich wohl viele unter den Vielen: Ein Propagandafilm aus der roten Reichshälfte der Sozialpartnerschaft – und das im ORF?

 
Direct Cinema

Ein Blick auf den Regisseur sorgt aber für rasche Entwarnung. Constantin Wulff („In die Welt“) ist Spezialist für Kino-Dokumentationen im „Direct Cinema“-Stil. Sein Porträt der AK, das zwischen September 2019 und Oktober 2021 gedreht wurde und 2022 in den Kinos lief, orientiert sich an den Institutionenporträts eines Frederick Wiseman. Der große US-Dokumentarist wird auch im Abspann gewürdigt.

Es sprechen keine AK-Granden direkt in die Kamera, es werden keine Interviews mit Beobachtern und Wegbegleitern zum 100. Geburtstag der Arbeiterkammer geführt. Wulff bleibt auch in diesem Film reiner Beobachter und lässt Bild und Originalton ohne jeglichen Kommentar aufs Publikum wirken.

Der Film zeigt, mit welchen Anliegen und Problemen die Menschen bei er AK vorstellig werden. „Bitte Im B-Bereich Platz nehmen“, wird ihnen dann freundlich beschieden. Oder im C-Bereich.

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ORF/Navigator Film

Hygiene in der Pandemie

Viele Sitzungen

Menschen unterschiedlicher Herkunft suchen Rechtsberatung und berichten in den Beratungsgesprächen Empörendes aus der Arbeitswelt: Von nicht ausgezahlten Löhnen, verschärften Arbeitsbedingungen, Kündigungen per SMS oder während der Karenz.

Wenn man als Zuschauer diese erste Hürde genommen hat, kann man auch an (vielen) Planungssitzungen teilnehmen. Da wird zum Beispiel ein Image-Video zur Kampagne „100 Jahre AK“ besprochen und vorgespielt. Ein jüngeres Publikum will man damit ansprechen. „Ich bin die Gerechtigkeit“, sagt die kämpferische Hauptdarstellerin in futuristischer Umgebung. Und: „Und ich bin gekommen, um zu bleiben.“

AK-Präsidentin Renate Anderl wird von der Kamera genauestens beobachtet, wie sie auf das Werbevideo reagiert. Danach zeigt sie sich begeistert über den aus ihrer Sicht zeitgemäßen Spot und sagt: „Viele werden sich wundern, dass am Ende AK steht.“

Dokumentaristen-Gold

Die Selbstironie der AK-Chefin ist natürlich Dokumentaristen-Gold für Wulff. Ebenso der Beginn der Corona-Pandemie mitten in den Dreharbeiten. Das gibt dem Regisseur die Möglichkeit, eine dramaturgischen Wende in den zweistündigen Film einzubauen.

Man taucht noch einmal ein in die Zeit, als noch nicht ganz klar war, was auf die Gesellschaft zukommen wird. Zunächst werden nur Täfelchen aufgestellt, dass bei der AK keine Hände mehr geschüttelt werden. In einer Sitzung vergleicht eine Skeptikerin Corona mit der Grippe. Doch Anderl besteht darauf, dass drastische Schutzmaßnahmen nötig sind.

Leere Gänge

Bald sieht man einsame Angestellte im Büro, Videokonferenzen – und auch der B-Bereich ist leer. Bald tragen alle Mund-Nasen-Schutz, irgendwann dann FFP2-Masken. Was auch zum Schluss des Films führt. Betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den österreichischen „Maskenskandal“ quasi live erlebten, berichten über die Arbeitsbedingungen bei der …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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