Ausstellung „Who Cares?“ im Jüdischen Museum Wien: Wen kümmert’s?

Kultur

„Who Cares? Jüdische Antworten auf Leid und Not“ hinterlässt ratlos – nicht nur ob des zynischen Titels in Zeiten des Gaza-Krieges

Seit einigen Tagen – und bis 1. September – zeigt Barbara Staudinger, die neue Direktorin des Jüdischen Museums Wien, am Standort Dorotheergasse eine Sonderausstellung mit dem bewusst doppeldeutigen Titel „Who Cares?“, die „Jüdische Antworten auf Leid und Not“ liefern will. Auch wenn die Schau schon seit längerer Zeit angekündigt ist, hätte, so denkt man sich, der Titel aufgrund der Ereignisse seit dem unfassbaren Massaker der Hamas vielleicht abgeändert werden sollen. Denn die Redewendung „Who Cares?“ bedeutet: „Wen kümmert’s?“

Im Standard war kürzlich aufgrund der Ankündigung, dass die israelische Armee nach Rafah vorrücken werde, in einem Kommentar zu lesen: „Kinder, die vor Hunger schreien, Kranke ohne Chance auf Heilung, stillende Mütter, die sich am Feuer brennenden Plastikmülls wärmen – die Schilderungen aus dem Süden Gazas lassen einen erschaudern.“

Wie passt das mit einem „Who Cares?“ und den „Jüdischen Antworten auf Leid und Not“ zusammen? Der Titel klingt – zumindest vor dem Rundgang durch die Schau – ziemlich zynisch.

Zumal Barbara Staudinger ihr Katalog-Vorwort mit dem Satz beginnt: „Die Corona-Pandemie, die drohende Klima-Katastrophe, die multiplen Krisen unserer Zeit wie der Ukraine-Krieg und zuletzt der Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 und der danach folgende Krieg haben uns vor Augen geführt, dass die Sorge um andere Menschen weit mehr als ihre medizinische Versorgung bedeutet.“

In der Ausstellung geht es, wie sich zeigt, um „Care“ im Sinne von „Pflege“ – und damit, so die Direktorin, um „ein weites Feld“, das sich von medizinischer Hilfe über „soziale und psychologische Fürsorge bis zu ökologischer Verantwortung“ erstrecke.

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Freuds Penis-Amulett

Doch diesen globalen wie umfassenden Anspruch löst die Schau nicht ein. Sie entpuppt sich, kuratiert von Caitlin Gura und Marcus G. Patka, als Bestandsaufnahme von Leistungen jüdischer Ärzte, Hebammen, Fürsorgerinnen und Gesundheitseinrichtungen vornehmlich in Wien. Diese hat durchaus ihre Berechtigung, ist als Ausstellung jedoch nur mäßig spannend. Die Präsentation wurde daher mit Objekten aufgepeppt, die rein gar nichts mit dem eigentlichen Konzept zu tun haben – angefangen von einem Penis-Amulett, das Sigmund Freud in Süditalien erwarb, bis zu einer hinter Glas drapierten Zwangsjacke, einer Metallzange für Elektroschocks und einem „Gerät zur postkoitalen Spülung der Vagina“.

Um Krieg geht es auch ein bisschen. Jüdinnen, ansehnlich beschürzt und eingekleidet, leisteten jedenfalls im Ersten Weltkrieg Sanitätsdienst. Und man entdeckt – wie schon zuvor in der bis 26. Mai laufenden Schau „Frieden“ (am Standort Judenplatz) – einen österreichischen UNO-Blauhelm. Aber aus einem anderen Einsatz.

Zudem wurde das äußerst umfangreiche Material assoziativ mit Kunstwerken angereichert – darunter mit einem affichierten Riesenposter von Max Oppenheimers Ölgemälde „Operation“ aus 1951. Eine mit roter Farbe (Blut!) bespritzte Fotocollage mit dem Titel „Gewalt gegen Frauen“ darf nicht fehlen. Aus dem wilden Kunterbunt sticht zudem das Porträt „Julius Tandler“ von Herbert Boeckl aus 1930 heraus.

Linke Eugenik

Im Lesebuch „Umstrittene Wiener Straßennamen“ von Peter Autengruber, Birgit Nemec, Oliver Rathkolb und Florian Wenninger (2014) wird über Tandler, nach dem ein Platz benannt ist, ein differenziertes Bild gezeichnet. Der „typische Vertreter der frühen sozialistischen/linken Eugenik“ wird u. a. mit …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

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