Castorfs „Faust“ an der Staatsoper: Was für ein teuflisch guter Zauber

Kultur

Charles Gounods „Faust“ als grandiose, aber hoffentlich auch als letzte reine Fernsehpremiere (9. Mai, 20.15 Uhr, ORF III) in der Regie von Frank Castorf und in Top-Besetzung.

Radikal und genial, verstörend und betörend – auf diesen Nenner lässt sich die fast neue Produktion von Charles Gounods „Faust“ im Haus am Ring bringen. Fast neu, weil Regisseur Frank Castorf diesen „Faust“ bereits 2016 an der Oper Stuttgart herausgebracht hat. Wiens Operndirektor Bogdan Roščić hat sie im Rahmen der Erneuerung des Repertoires dankenswerter Weise geholt, und Castorf hat seine grandiose Interpretation des Faust-Mythos vor Ort neu einstudiert. Was man hier zu sehen und zu denken bekommt – wenige Medienvertreter waren zugelassen – ist schlicht sensationell.

Wiener Staatsoper / Michael PöhnBildgewaltig

Denn Castorf wäre nicht Castorf, wenn er eine Geschichte einfach ganz konventionell oder gar bieder erzählen würde. Nein, der deutsche Regiegigant hält szenisch spielerisch leicht mehrere Bälle in der Luft, jongliert virtuos mit Goethe, Gounod, Ideologien und Zeitebenen. Wie immer bildgewaltig mit (vorgefertigten) Videos und stets präsenten Live-Kameras (Tobias Dusche/Daniel Keller), die bildgewaltige Close-ups und visuelle Effekte ermöglichen.

Bühnenbildner Aleksandar Denić hat dafür eine kleine Drehbühnenstadt ersonnen, die Paris in vielen Facetten und auf noch mehr Ebenen widerspiegelt. Ein Telefonzelle, ein Cola-Automat, ein abgetakeltes Billig-Café in den Banlieues und die Metrostation Stalingrad (die gibt es in Paris wirklich) sind die „realen“ Theater-Schauplätze. Auf den Leinwänden aber passiert anderes.

Wiener Staatsoper / Michael PöhnAlgerienkrieg

Da nämlich zeigt Castorf von historischen TV-Werbungen für eine „heile“ Familienidylle über Sexsymbole wie Brigitte Bardot, das einst mit Hitlers Nazi-Deutschland kollaborierende Vichy-Regime, bis zu Präsident Charles de Gaulle, den von Autos befahrenen Prachtboulevards oder dem Algerienkrieg. Dazu hat Castorf Texte von Bert Brecht und Arthur Rimbaud auf die Leinwände gebracht, und es wird auch rezitiert, sogar Emile Zolas „Nana“ hat ihren Platz.

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Voodoo

Das klingt alles überfrachtet? Ganz und gar nicht. Denn Castorf ist szenisch so nah an Goethe und an Gounod und an den beiden innewohnenden Ideen, wie selten ein Regisseur dieses Werkes. Mephisto als tätowierter Voodoo-Priester, der seine Nadeln erst nur in Puppen sticht, später aber das Messer in den Rücken von Valentin sticht, da Faust zu unfähig ist, diesen mit einem Maschinengewehr zu erschießen.

Dieser Faust wiederum ist anfangs nur ein alter Clochard, der nach seiner Wandlung zum Jüngling aber flott zum Verführer in Anzug und T-Shirt mutiert. Die Hauptfigur Margarethe ist eine eher billige Prostituierte mit Hang zum Höheren und Neigung zu alkoholischen Getränken. Daher auch ihre Visionen von Glück und Schönheit. Doch in der Telefonzelle, die sie frequentiert, heißt es wohl: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und in der berühmten Gebetsszene – nach einer Fehlgeburt – sind Schlangen ihre Begleiter am Altar.

Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Valentin ist bei Castorf ein massiv traumatisierter Algerienkriegheimkehrer, der auf die weißen Kachlen der Metrostation schreibt: „Algerien ist französisch!“ Er stirbt dennoch nicht als Held. Dass Kate Lindsey (gut) in der Hosenrolle des Siebel eine Frau sein darf, ist ein toller Kunstgriff, der auch allerlei sexuelle Assoziationen erlaubt.

Ja, Tradionalisten werden mit dieser Glitzerwelt (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) vielleicht ihre Probleme haben. Aber so nah am Text …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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