Das Theater als Behauptung – und Modell für die Welt

Kultur

Die raffinierte Uraufführung von „Alles, was der Fall ist“ des britischen Duos Dead Centre im Akademietheater

Das britische Duo Dead Centre studierte angeblich ein Jahr lang den „Tractatus logico-philosophicus“, das erste Hauptwerk des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein, um ihn für die Bühne zu adaptieren.

Das Ergebnis, am Dienstag im Akademietheater mit sehr viel Applaus bedacht, ist aber weder tieflotende Analyse, noch oberflächliches Edutainment: Der Monolog verwandelt sich alsbald in eine komplexe Geschichte.

Der Hinweis „Dead Centre nach Ludwig Wittgenstein“ führt ein wenig in die Irre. Denn in „Alles, was der Fall ist“ geht es nicht vorrangig um die Philosophie über das, was Sprache (nicht) vermag. Sondern um das Theater als Reflexionsort, um das Durchspielen von Möglichkeiten auf der Bühne. Und natürlich geht es auch um die Staunen machende Guckkasten-Illusionsmaschine.

Vor Augen geführt (im Wortsinn) wird dies exemplarisch an einem tatsächlich einzigartigen Ereignis, der Amokfahrt am 20. Juni 2015 in Graz: Ein 26-Jähriger raste mit einem SUV durch die Innenstadt, er tötete drei Menschen, verletzte 36 – und wurde schließlich sogar wegen 108-fachen Mordversuchs angeklagt. Dead Centre, also Ben Kidd und Bush Moukarzel, reichte als Ausgangspunkt eigentlich der Wiki-Eintrag samt dem Kommentar des steirischen Landeshauptmanns Hermann Schützenhöfer über die „abscheuliche Tat, für die es weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung gebe“.

Das Duo versucht, doch eine Erklärung zu finden.

Dass es, wenn es keine Spekulationen anstellen will, scheitern muss, ist von Anfang an klar. Der Reiz aber liegt im Prozess: Dead Centre schickt Philipp Hauß auf die Bühne, der behauptet, Wittgenstein zu sein.

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Und als dieser führt er ein Theaterexperiment vor: Er stellt das Geschehen von Graz modellhaft nach – also mit Bühnenbildmodellen. Das Regal (von Nina Wetzel) vorne rechts an der Rampe ist voll mit Kulissen und Requisiten im Miniaturformat.

Hauß bedient sich – und stellt die Schauplätze nach: das Café in der Herrengasse, die Tankstelle und so weiter. Er zeigt realistische Varianten wie abstrahierte. Und wir sehen all das riesengroß auf die Leinwand projiziert – aufgeblasen auf die, wie sich zeigt, realen Verhältnisse.

Der Wes-Anderson-Trick

Nun kommt der bekannte Wes-Anderson-Trick hinzu: In den Projektionen der Bühnenbildmodelle beginnt es zu leben. Die Technik, die dies ermöglicht, heißt – je nach der verwendeten Farbe – „Blue Box“ oder „Green Box“; Matthias Hartmann setzte sie 2016 bei seiner Inszenierung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ ein.

Es werden jedoch nicht nur die Erfüllungsgehilfen – Alexandra Henkel, Andrea Wenzl, Tim Werths und Johannes Zirner als Paare, Passanten – in die virtuelle Welt integriert: Hauß greift gottgleich von außen in das Modell ein. Und auf der Projektion gibt seine monströs große Hand zum Beispiel Feuer. Er ist dabei um größtmögliche Synchronizität bemüht.

Weil sich aber keine Schlüsse ziehen lassen, muss der Demonstrator immer tiefer in die Vergangenheit zurückgehen. Und zusehends werden die Szenen mit Dialogen aus „Macbeth“ überlagert. Das ist raffiniert. Denn das Regie-Duo, das im Lockdown „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ realisiert hatte, zeigt zumindest, wie aus Verbrechen – durch William Shakespeares Transformation – Kunst wird.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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