„Das Tier in dir“ im mumok: Das Museum ist kein Streichelzoo

Kultur

Die Ausstellung geht der Bedeutung von Tierdarstellungen im mumok-Bestand nach.

Seit Jahrtausenden werden Tiere dazu eingesetzt, um Äcker zu pflügen, Lasten zu ziehen – und um den raren Rohstoff Aufmerksamkeit zum Sprudeln zu bringen. Medienproduzenten (das sind nicht nur jene von Katzenvideos) wissen das ebenso wie Influencer und Museumsleute.

Eine Kunstausstellung mit dem Thema „Das Tier in dir“ steht daher ein bisschen im Verdacht, sich eines todsicheren Mechanismus zu bedienen. Tatsächlich ist Cosima von Bonins blaue Plüschspinne, die nun auf der Eingangsebene des mumok empfängt, irgendwie cute (neudeutsch für „niedlich“, Anm.).

Aber sie ist eben auch grauslich: Spinnen, ebenso wie Wanzen und anderes Krabbelgetier, stören die Aufgeräumtheit der bürgerlichen Stube und laufen dem Reinheitsgebot entgegen, das sich die moderne Geisteshaltung selbst auferlegte. Wo Tiere sind, haben Rationalität und Ordnung Pause.

Selbstporträt mit Spinne

Damit sind wir auch schon mitten im anspruchsvollen Konzept der Ausstellung, die sich eben nicht mit einfachen Reizen begnügt: Die mumok-Kuratorin Manuela Ammer und die Künstlerin Ulrike Müller, die die Schau im Team gestalteten, möchten dabei auf Basis der mumok-Sammlung zeigen, wie sich eine Gesellschaft anhand von Tiermotiven selbst porträtiert. „Wer gibt wem Namen?“, „Wer nimmt wen an die Kandare?“, „Welche Art von Zoo ist ein Museum?“, lauten einige der Fragen, die durchaus plakativ an den Wänden zu lesen sind.

Kiki Kogelnik Foundation/Belvedere

Der Eindruck, es könnte sich um eine besonders niedrigschwellige Kinderausstellung handeln, trügt – auch wenn Ammer meint, dass man natürlich auch spielerisch durchflanieren könne, um Affen oder Tiger zu zählen. Doch auch (Kuschel-)Tiere in der Kinderstube sind nicht unschuldig, nein – sie dienen der Konditionierung und sind in besonders schlimmen Situationen womöglich die letzten Wesen, die einer zarten Seele Schutz bieten.

  Kino der Widersprüche

So ist der kindlichste Teil der Schau zugleich auch der grusligste – mit Paul McCarthys Werk „Lumpenprole“ liegt da ein riesiger Teppich, zur Landschaft ausgebeult durch Kuscheltiere, die darunter versteckt sind. Daniel Spoerri, der in seinen „Fallenbildern“ normalerweise die Spuren von Tischgesellschaften für die Ewigkeit fixierte, zeigt den „Kinderkäfig von Natalie“ – das Laufgestell, in dem die Tochter des Sammlerpaares Wolfgang und Hildegard Hahn 1969 spielte, mitsamt Tierbuch und einer stereotypen „Neger“-Puppe.

Die objektbasierte Kunst von Fluxus und „Nouveau Realisme“, die durch den Ankauf der Sammlung Hahn 1978 zu einer Säule des mumok wurde, drückt der Schau über weite Teile einen ästhetischen Stempel auf – doch die Kuratorinnen verweben auch zahlreiche andere Stränge der Kunst seit 1960 in ihre Erzählung. Die Malerin Maria Lassnig, die in ihren Bildern häufig die Leidensfähigkeit von Tieren und ihr eigenes Mit-Leiden zum Ausdruck brachte, ist stark präsent. Ebenso der Ober-Schamane Joseph Beuys, der bekanntlich einem toten Hasen Bilder erklären wollte, oder die Künstlerinnen Birgit Jürgenssen und Ingeborg Strobl, die das Animalische mit Tier-Prothesen, Masken oder surrealen Arrangements näher an die Grenzen von Mode, Design und Alltagskultur heranzurücken suchten.

Zusammenspiel

Annäherungen von „menschlichen und nichtmenschlichen Tieren“, wie sie in aktuellen Diskursen vor dem Hintergrund ökologischer Herausforderungen oft eingefordert werden, wurden in der zeitgenössischen Kunst schon vielfach angedacht. Und sie bezog sich dabei oft auf hergebrachte Modelle, um menschliche Eigenschaften in Tiergestalt auszulagern. Die mumok-Schau ist nicht vor dem Ausfransen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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