Der documenta-Skandal und seine Lehren

Kultur

Der Zusammenprall der Weltbilder verlangt eine Nachschärfung von Werten und Begriffen. Dass alles irgendwie geht, geht nicht mehr

Es hätte alles so harmonisch sein sollen. Doch auf zwangloses Abhängen in kreativer Atmosphäre (indonesisch: „nongkrong“) scheint kurz nach Eröffnung der Weltkunstschau documenta fifteen in Kassel niemand mehr Lust zu haben.

Stattdessen tobt ein Streit, der auch abseits der Kunstszene an Selbstverständnissen rüttelt. Er ist daher in breitem Kontext relevant, verlangt Differenzierung und klare Begriffe.

Zur Erinnerung: Der Vorwurf, die documenta würde dem Antisemitismus ein Forum bieten, schwelte seit Langem. Die Situation eskalierte, als in einem Wimmelbild der indonesischen Gruppe Taring Padi antisemitische Figuren (ein Vampir mit Schläfenlocken und SS-Runen am Hut, ein Soldat mit Schweinsgesicht und dem Schriftzug „Mossad“) sichtbar wurden. Das Bild strafte die Beteuerungen, auf der documenta gäbe es keinen Antisemitismus, Lügen. Es wurde verhängt und dann entfernt, es gibt nun Rücktrittsaufrufe bis hinauf zur Kulturministerin.

Der größere Hintergrund der Kontroverse ist ein Unbehagen mit der Position, die Juden und dem Staat Israel im Besonderen im derzeitigen kulturellen Diskurs zukommt. Dieser ist intensiv damit beschäftigt, die globalen Ungerechtigkeiten, die infolge kolonialer Herrschaften entstanden und entstehen, aufzuarbeiten und anzuprangern – das Stichwort lautet „Postkolonialismus“.

Viele Proponenten dieser Bewegung legen israelkritische bis israelfeindliche Einstellungen an den Tag. Wie der Soziologe Natan Sznaider sagt, steht Israel hier in einer Reihe mit weißen Kolonialherren – der Konsens, dass der Holocaust nicht mit anderen Gräueln zu vergleichen ist, wird oft nicht anerkannt.

Dieses Gemenge hat sich die documenta mit ihrer Entscheidung, durch ein Kuratorenkollektiv aus Indonesien den „globalen Süden“ nach Kassel zu holen, eingetreten.

  Der wahrscheinlich längstgediente Dirigent der Welt

Fettnäpfe überall

Und es verblüfft, wie patschert die Veranstaltung darauf reagiert: Von Quasi-Entschuldigungen, die alles zur Ansichtssache erklären und insinuieren, das Bild hätte nur „Gefühle verletzt“, bis zur Zerstäubung der Verantwortung (es gebe ja nur ein Kollektiv und keinen verantwortlichen Kurator) ist die Kommunikation ein Trauerspiel. Auch die Forderung, dass die Schweinsnasen im „politischen Kontext Indonesiens“ gelesen werden sollten, der Kontext in Deutschland aber quasi wurscht sei, ist naiv.

Naiv ist es aber wohl auch, in der Auseinandersetzung mit den legitimen Anliegen von Menschen aus ehemals kolonisierten und/oder diktatorisch regierten Ländern (der Hilfsbegriff „globaler Süden“ erreicht hier bald seine Grenzen) eine vielleicht gut gemeinte, aber dümmliche Offenheit an den Tag zu legen. Es ist nötig, von Fall zu Fall genau zu schauen, welche Ansätze mit demokratischen Werten kompatibel sind und welche nicht, welche unterschiedlichen Ausdrucksweisen man als „kulturelle Differenz“ akzeptieren kann und welche nicht.

Das impliziert auch eine Debatte darüber, welche Praktiken unter dem Begriff Kunst möglich (und als künstlerische Freiheiten geschützt) sind. Die documenta hat das Feld hier extrem weit aufgemacht – und muss nun einsehen, dass nicht alles geht.

Der Autor ist Redakteur für Kultur und Medien.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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