Die Reichenauer Schmalspurvariante abseits des Südbahn-Viadukts

Kultur

Festspielintendantin Maria Happel inszenierte mit einem großen Ensemble Ödön von Horváths packende Tragödie „Der jüngste Tag“

Um von Wien über Payerbach nach Reichenau an der Rax zu gelangen, fährt man unter einem der Viadukte der Semmeringbahn hindurch. Es ist also vorstellbar, dass sich in dieser wildromantischen Gegend das Drama rund um den Stationsvorstand Thomas Hudetz ereignet haben kann: Abgelenkt von einer kecken Lolita, stellte er ein Signal zu spät – und verursachte ein verheerendes Zugsunglück mit geradezu infernalischem Krach.

Eine zentrale Szene in Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ spielt bei einem solchen Viadukt: Grund genug für Maria Happel, Intendantin der Festspiele, die Tragödie anzusetzen – als vierte Premiere in vier Tagen. Doch ihr gelang – aus mehreren Gründen – nur die Reichenauer Schmalspurvariante.

Horváth stellte sich als Bühnenbild eine „schluchtartige Gegend“ vor, in der die mächtigen Pfeiler des Viadukts (und nur diese) in den Himmel ragen. Im Neuen Spielraum hingegen, der aufgrund seiner arenaartigen Anordnung nicht viel zulässt, hat Alexandra Burgstaller drei eher erbärmliche Torbögen aufstellen lassen.

Irritierend ist auch das leuchtende Apotheken-Logo neben dem malerischen Telegrafenmast (der zusammen mit der Banjo-Musik von Bernhard Moshammer Wildwest-Atmosphäre aufkommen lässt): Die sechste Szene spielt in einer Drogerie. Und keinesfalls in der Jetztzeit.

Auch die niedlichen Luftballone in Form einer Lok und eines Bierkrügels stören, mit denen Wolfgang Hübsch und Philipp Six verdeutlichen müssen, dass ihre Figuren beim Zugsunglück verstorben sind. Man hätte das auch ohne den Jahrmarkt-Firlefanz (eine Anspielung auf „Kasimir und Karoline“?) kapiert.

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Am meisten aber irritiert, dass es im Ensemble keine gemeinsame, der Kunstsprache Horvaths gerecht werdende Artikulation gibt: Rainer Friedrichsen holzt als alpiner Waldarbeiter Norddeutsch, Dunja Sowinetz gibt als intrigante Frau Leimgruber ein Wiener Waschweib, und Alexander Rossi scheint mit ausgebreiteten Armen eher der Wirt des Weißen Rössls zu sein denn des Wilden Manns.

Gesäuberte Version

Um den politischen Kontext geht es in dieser ansonsten sehr klaren Inszenierung nicht. Kostümbildnerin Erika Navas verortet das Stück, geschrieben 1936/’37, in die Nachkriegszeit: Der Fleischer des Kaspar Simonischek trägt Tolle und Lederjacke (ist aber eher ein Bubi), seine Braut Anna, die Hudetz küsst, einen Glockenrock. Auch noch in jenen Tagen redete man von „Negern“, aber der entsprechende Satz wurde zensiert.

Lalo Jodlbauer

Verhängnisvoller Kuss: Johanna Mahaffy und Daniel Jesch

Das vielschichtige Drama rund um Schuld, Mitschuld und Verantwortung bleibt dennoch großartig. Und es wird von exzellenten Darstellern getragen, die sich akkurat an Horváths „Gebrauchsanweisung“ (im Programmheft abgedruckt) halten: von Wolfgang Hübsch, der als Staatsanwalt eine wahre Instanz ist; von Daniel Jesch als steifer Beamter, der bei der Vernehmung am Kappenrand nestelt; von Mercedes Echerer, die als dessen 13 Jahre ältere, verbitterte Frau unter dem Gerede im Dorf zu leiden hat; von Nicolaus Hagg als Bruder, der sich immerzu korrekt verhält; und von Johanna Mahaffy als blonde Verführerin: Schlussendlich hat sie wie eine Puppe steif auf der arg knarrenden Drehbühne zu sitzen.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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