Dingdong, keiner da: Tim Etchells „How goes the World“ bei den Festwochen

Kultur

Absurdes Meta-Türenknallen: „How goes the World“ zerlegt Theater in seine Einzelteile.

Wenn das Telefon läutet, dann hebt man ab. Wenn es an der Tür klopft, öffnet man sie. Wenn das Klavier einfach zu spielen beginnt – ja, was macht man da jetzt?

Na, man setzt sich ans Klavier und tut so, als würde man es spielen. Zumindest, wenn man jemand ist, der von Berufs wegen so tut als ob. Also Schauspielerinnen und Schauspieler auf einer Bühne. Das ist die Grundaufstellung in Tim Etchells Stück „How goes the World“, das am Sonntag bei den Wiener Festwochen in der Halle G Premiere hatte. 

Die Bühne verrät schon optisch, was Etchells vorhat. Sie besteht aus Versatzstücken, die ins Repertoire eines Bühnenbilds „gehören“. Eine Wand mit zwei Türen, ein Tisch, darauf ein weißes Wählscheibentelefon, eine Couch, eine Menge Sessel, die neben anderem Kram auf der rechten Bühnenseite wie in einem Fundus abgestellt sind. Ein Klavier und ein Staubsauer. Gut, letzterer ist an sich eher optional, aber man braucht auch Überraschungen. 

Nur ein Gerüst

Solche sind es, die Etchells Stück die Dynamik geben – andere würden sagen, es erträglich machen. Es beginnt also mit einem klingelnden Telefon, Türklopfen, Türläuten – alles Geräusche, die eingespielt werden und auf die zwei Performerinnen und zwei Performer reagieren. Das wirkt wie eine Dada-Version eines Lustspiels, in dem man die Handlung entfernt hat und nur das Gerüst der notwendigen Bewegung auf der Bühne übergelassen hat. Dann kommt das Klavier hinzu und schließlich das Plätschern des Eingießens eines Getränks in ein Glas, gefolgt vom Gluckern des Trinkens. Alle Geräusche werden wild durcheinander eingespielt, alle Akteure versuchen, möglichst alle Tonanweisungen zu befolgen: Immer muss einer zum Klavier stürzen, wenn es gerade unbesetzt ist, das Telefon wird abgehoben, während mit der anderen Hand weiter nichtvorhandener Wein ins Glas geschüttet wird. Das wirkt nun wie eine Auflockerungsübung an der Schauspielschule. Gesprochen wird übrigens bis auf ein „Hello“ am Telefon nichts. 

  Eine Familiengeschichte als düstere Geschichtslektion

Und dann erklingt ein Schuss. Eine Schauspielerin fällt um. Und steht wieder auf. Das passiert bei jedem Schuss, jeder kommt mindestens einmal dran. Es folgen noch einige weitere solche folgenschwere Eingriffe.

Endlosschleife

Etchells hat das Timing für diese sich ewig wiederholenden Szenen ganz gut im Griff, gerade kurz vor oder kurz über der Schmerzgrenze ändert sich die absurde Szenerie wieder. Wer „Die Rechnung“ des Gründers der Performancegruppe „Forced Entertainment“ zum Start der Festwochen gesehen hat, war schon vorgewarnt. Da wurde das Stilmittel der Endlosschleife auch zelebriert. Da gab es aber noch eine gewisse Eigenverantwortung der Schauspieler, in „How goes the World“ sind die Bühnenfiguren endgültig zu Marionetten verkommen, die an der Leine der Tonspur hängen. 

Es ist aber spannend zu sehen, wie sie (Aurelie Alessandroni, Neil Callaghan, Aurelie Lannoy, John Rowley) selbst in dieser Abhängigkeit den minimalen Gestaltungsspielraum virtuos nützen. Schauspiel ist nie nur Formel, nie nur Ausführen von Regiebefehlen, könnte man also interpretieren. Etchells Stück ist auf mitunter humorvolle Weise Meta-Theater, also Theater über Theater. Dass die Handlung komplett fehlt, stört meistens nicht an diesem Abend, an dem man vor allem das Durchhaltevermögen der Schauspielerinnen und Schauspieler bewundert. Am Ende bleibt aber …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.