Ein Klärungsversuch: Peter Handkes jugoslawische Krankheit

Kultur

Warum sich der Autor in den „Bruderkriegen“ auf die Seite der Serben schlug. Und worum es ihm ging.

Was ist Peter Handke nicht alles: ein Bewohner des Elfenbeinturms und ein Träumer. Keiner, der mit den Wölfen heult. Einer, der unter dem Wind gehen will. Ein stiller Beobachter, ein Leise-Sprecher, ein Sonderling. Kein Wutbürger, aber ein Wütender. Ein Unbeherrschter, Zorniger. Einer, der nicht mehr in die Zeit passt. Vielleicht einer, der nie in die Zeit gepasst hat. Ein Fragen- und damit Fallensteller. Und immer: ein Erzähler. Ein Erzähler wie Homer, der vom großen Krieg gegen Troja berichtete, ohne dabei gewesen zu sein. Einer, der sich bloß einen Reim auf das machte, was wiederum ihm erzählt worden war.

Eines aber ist Handke sicher nicht: ein politscher Kommentator, ein Kriegsreporter oder gar ein Chronist der Ereignisse. Er sieht und schmeckt und fühlt – auch in ehemaligen Kriegsgebieten. Und darüber schreibt er dann, mitunter betroffen, mitunter verzerrt, mitunter naiv. Und nur darüber. Die Literatur des Peter Handke ist rein subjektiv. Und so schreibt er oft in Ich-Form. Aber auch dieser Icherzähler ist nicht er, sondern eine Ich-Figur, die zwar sehr viel mit Handke gemeinsam hat, aber nie Handke ist.

„Sezessionskriege“

Handkes Ich war von einer seiner Ideen getrieben: Zunächst nur für sich klären zu wollen, wie es zu diesen „Sezessionskriegen“ am Balkan kommen konnte. Wie sie entfacht wurden. Wer an ihnen interessiert war. Und, entscheidend: „Wer war der erste Aggressor?“ Beziehungsweise: „Wie hat es angefangen?“

Natürlich hätte er besser die Finger davon gelassen – wie man auch besser die Finger vom Konflikt zwischen den Israelis und und den Palästinensern lässt. Denn man kann sich, egal was man schreibt, nur die Finger verbrennen. Denn immer ergibt eines das andere. Immer ist das Eine eine Reaktion auf das Andere. Und selbst wenn man Ursache für Ursache zurückverfolgt: Man wird nicht klären können, wer der erste Aggressor war.

Handke weiß das an sich sehr wohl. Denn er zitiert den typischen Kinderstreit: „Du hast angefangen!“ – „Nein, du hast angefangen!“ Und trotzdem wollte er es ganz genau wissen. Er verstieg sich geradezu. Daher war er ein „Trottel“, wie es Salman Rushdie ausdrückte. Und das wurde vom Autor auch nicht bestritten: „Da hat er ja recht.“

Genau als einen solchen Trottel hat man Handke zu sehen. Nicht ein Geschichtsprofessor reiste durchs ehemalige Kriegsgebiet, kein Beobachter der UNO, sondern ein Idiot beziehungsweise, was es besser trifft, ein „Amateur“. Einer, der etwas aus Liebe oder Interesse tut.

Und so konnte man ihm einen Strick drehen. Weil er simplifizierend von Slowenen, Serben und Moslems schrieb, weil ihm als Bild Indianer in den Sinn kamen, weil er sich auf die Seite der Serben geschlagen hatte, die für das „Massaker von Srebrenica“ – 1995 wurden etwa 8000 Bosniaken ermordet – verantwortlich sind.

Was Handke zudem wirklich massiv unterschätzte: Er war auch schon vor 30 Jahren eine öffentliche Figur. Und kein Privatmann, als der er sich gerne darstellt. Daher wurden nach der Entscheidung der Akademie in Stockholm, ihm den Literaturnobelpreis 2019 zu verleihen, alle seine Handlungen in die Waagschale geworfen.

„Verhöhnung“

Die Verurteilungen bzw. Vorverurteilungen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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