Eine queere Geschichte der USA: Taylor Mac erzählt sie in 24 Stunden und mit 264 Songs

Kultur

Nach etwa fünf Stunden zwanzig riss es das Publikum von den Sitzen. Immer mehr Menschen, die Donnerstagnacht im Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele zwischen Bierdosen, Nelken, Schlafmasken und Tischtennisbällen fläzten, standen auf und klatschten. Und klatschten. Sie applaudierten dem Mann, der in Pumps, Glitzerslip und unter einem üppigen Kopfschmuck mit blutroten Streithähnen soeben „Banks of the Ohio“, die Moritat eines Frauenmörders aus dem 19. Jahrhundert, beendet hatte.

Sie wollten gar nicht aufhören zu klatschen, weil er dieses Lied so kraftvoll gesungen hatte, als ob es das erste und nicht das ungefähr sechzigste Stück an diesem Abend gewesen wäre. Und weil er es nicht als zynisches Lied eines alten, weißen Mannes, sondern als zornigen Befreiungsschlag eines Cherokee-Mädchens gegenüber dem alten, weißen Mann, der sie als Kind gekidnappt hatte, sang. Und weil er es so queer und zugleich so patriotisch präsentierte, so anders patriotisch, so nicht auf die herrschende Gesellschaft, sondern auf alle Menschen bezogen patriotisch.

In seinen extraterrestrisch geschminkten Augen schimmerte so etwas wie eine Träne

Und weil er dabei so unglaublich gut aussah und sich so hingab und trotzdem alles im Griff hatte. Und weil alle selbst schon so lange durchgehalten hatten. Und dann klatschten sie noch viel mehr, weil die Wellen des Applauses Taylor Mac, König und Königin des Abends in einem, zu rühren schienen, weil so etwas wie eine Träne in seinen extraterrestrisch geschminkten Augen schimmerte. Aber dann hob er die Hand, wartete mit leichter Strenge, bis der Applaus abebbte, und setzte seine Geschichte fort: „Und Harry fragte Louise Marie …“.

Das, vielleicht, ist das Allerbewunderungswürdigste an Taylor Mac: Dass er nicht eitler ist, als es seine Rolle erfordert. Oder kennen Sie einen weiteren Showkünstler, der das Publikum zwingt, etwa 40 Minuten lang eine Schlafmaske zu tragen (um so blind zu sein wie Harry, der sein Augenlicht 1812 auf einem Schlachtfeld im britisch-amerikanischen Krieg verloren hatte), während er weiter performt, als wäre es für Millionen Augen zur besten Sendezeit?

„Wir huldigen nicht dem Künstler, sondern dem Kunstmachen“, hatte Taylor Mac schon ganz zu Anfang gesagt, als er die Regeln dieser auf vier Abende verteilten 24-stündigen Show erklärte, zu denen gehörte, dass der Zuschauer auf dem Altar dieses Zusammentreffens geopfert werden wird. Was nicht nur eine Warnung vor zahlreichen Mitmachaktionen war, sondern auch die subversiven Botschaften des Abends gut zusammenfasste.

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Source:: Berliner Zeitung – Kultur

      

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