Elizabeth Strout schenkt Lucys erstem Ehemann einen Roman

Kultur

„Oh, William!“ handelt von ehemals Verheirateten, die füreinander trotzdem immer da sind

William war der erste Ehemann von Lucy Barton. Das weiß man … wenn man Elizabeth Strout schätzt. Wenn man von der Pulitzer Preisträgerin aus dem US-Bundesstaat Maine „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (2016) und / oder „Alles ist möglich“ (2018) gelesen hat.

Lucy ist jene Frau, die in ärmsten Verhältnissen in einer Garage aufwuchs – bei einer Mutter, die nicht sagen konnte: „Ich liebe dich.“

Heute freut sich Lucy: „Immerhin bin ich keine Massenmörderin geworden.“

Sondern eine erfolgreiche Schriftstellerin.

Von William – einem nicht ganz so erfolgreichen Forscher – ließ sie sich scheiden, weil er sie betrogen hatte. Dass man trotzdem freundschaftlich verbunden blieb, wundert beide.

Elizabeth Strout kann wahrhaftig schreiben. Seltsam ist das: Über die Menschen in der eigenen Nachbarschaft weiß man wenig und will nicht viel wissen. Wenn aber Strout über das Leben nahezu Fremder schreibt, dann giert man danach.

Sie fand, Richard hat sich einen eigenen Roman verdient. Bitte sehr:

„Oh, William!“ setzt fort, was uns die Amerikanerin in jedem ihrer nun schon acht Romane sagen will: „Wir kennen niemanden wirklich … Wir sind alle gleich unerforschlich.“

Ahnenforschung

Lucys 2. Ehemann ist mittlerweile gestorben, Williams 3. Ehefrau ließ ihn sitzen – er bekam, bevor sie auszog, von ihr als Geschenk Zugang zu einem Portal zur Ahnenforschung. So fand der 71-Jährige heraus, dass seine Mutter zwei Mal verheiratet war. William hat eine Halbschwester.

Lucy, um sieben Jahre jünger, begleitet ihn von New York aus auf der Reise in die Vergangenheit nach Maine. Es ist ein Buch mit viel Himmel und Wolken und Klee, die Ex-Eheleute essen Chesburger, erzählen einander Geschichten von früher, Trauma türmt sich auf Trauma, und sie finden – auch – ein Foto von Williams Vater: Er war als deutscher Soldat in US-Kriegsgefangenschaft.

  Tadel für das Theater an der Wien

Man merkt, wenn die beiden zusammen sind: William bedeutete für Lucy Sicherheit, er war – er ist ihr Zuhause; und sie ist seines.

(Und man hört, wie Johnny Cash auf Deutsch sang:

„Wo ist Zuhause, Mama

Auf der großen Straße

Wo ist Zuhause, Papa

Vielleicht hier auf dieser Straße“)

 

Elizabeth Strout:
„Oh, William!“
Übersetzt von Sabine Roth.
Luchterhand Verlag.
224 Seiten.
20,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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