Filmkritik zu „Auf trockenen Gräsern“: Versauern in der Provinz

Kultur

Ein Lehrer in Ostanatolien hadert mit seinem Schicksal in dem großartig fotografieren, eloquenten Drama von Nuri Bilge Ceylan

Auf den ersten Blick ist Samet ein cooler Lehrer. Sein Umgang mit den Schülern wirkt jovial, der Kontakt zu den Kollegen freundschaftlich. Mit einem von ihnen – Kenan – teilt er sogar seine Unterkunft. Samet unterrichtet Kunst in einer abgelegenen Schule in Ostanatolien. Er leistet dort seinen Pflichtdienst ab und kann es gar nicht erwarten, zurück nach Istanbul zu kehren.

Eines Tages werden Samet und sein Freund Kenan zum Direktor der Schulbehörde Anatoliens zitiert. Die beiden haben keine Ahnung, warum, und fantasieren bereits von einer Beförderung. Tatsächlich aber teilt ihnen der Vorgesetzte mit, dass zwei Schülerinnen Beschwerde gegen sie wegen ungebührlichen Verhaltens eingereicht haben. Aber, so versichert der Direktor den beiden perplexen Männern, er hätte den Akt schon verschwinden lassen.

Flotte drei Stunden

Nuri Bilge Ceylan, Regisseur von „Auf trockenen Gräsern“, gilt als der herausragende Autorenfilmemacher der Türkei. Seine Arbeiten laufen regelmäßig im Wettbewerb von Cannes, wo er 2014 mit seinem Drei-Stunden-Drama „Winterschlaf“ die Goldene Palme gewann.

Auch sein neues Werk ist mit seinem 198 Minuten Laufzeit das Gegenteil eines Kurzfilms, doch fesselt Ceylan jede Sekunde davon sein Publikum an den Kinosessel. Zum einen sind es die legendären, lang anhaltenden Landschaftsbilder, für die Ceylan berühmt ist: Auch in „Auf trockenen Gräsern“ zeugen seine panoramischen Einstellungen von atemberaubender Schönheit. Der Regisseur schält seine Figuren aus einer tief verschneiten Winterlandschaft heraus und stellt sie in scharfem Kontrast zu ihrem weißen Hintergrund, was den Eindruck von filmischer Gemäldemalerei noch verstärkt. Existenzielle Einsamkeit kompensiert er mit geschliffenen Dialogen, die seine redseligen Protagonisten unentwegt in langen Gesprächen aneinandergeraten lassen, in denen sie um moralische und politische Haltungen ringen.

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Konflikt mit dem Lehrer: Ece Bagci in „Auf trockenen Gräsern“

Wie der Beschwerdeakt über die beiden Lehrer, so verschwindet auch der Erzählstrang; die Vorwürfe haben keine weiteren Konsequenzen, fördern aber immer unsympathischere Seiten an Samets Charakter zutage. Als er gemeinsam mit Kenan eine junge Lehrerin und Polit-Aktivistin namens Nuray kennenlernt, die bei einem Anschlag ein Bein verloren hat, missgönnt er seinem Freund dessen Verliebtheit. Eifersucht, Bosheit und Menschfeindlichkeit legen sich wie düstere Schatten über sein Gesicht. Das Stichwort „toxische Männlichkeit“ liegt nahe, doch Ceylan legt so viele Schattierungen seiner Figuren frei, dass sich schnelle Verurteilungen erübrigen. Ihre Gefühlsregungen sind so feinziseliert, dass sie sich auch noch in ihren Nichtigkeiten nachvollziehbar bleiben. Und gerade Samet besteht auf seine Individualität, die sich Repressionen und autoritären Bestrebungen zu widersetzen sucht, sich dabei aber bis zur Schäbigkeit abnützt.

INFP: TUR/F 2023. 198 Min. Von Nuri Bilge Ceylan. MIt Deniz Celiloglu, Merve Dizdar.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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