Filmkritik zu „In der Nacht des 12.“: Kühler Thriller ohne Killer

Kultur

Ein französischer Kommissar sucht einen grausamen Mädchenmörder und stößt dabei an seine Grenzen

Erst kommt der Spoiler, dann die Spannung. In Frankreich werden pro Jahr 800 Morde verzeichnet. Zwanzig Prozent davon werden niemals aufgelöst. Auch der Mord, der „In der Nacht des 12.“ passiert, bleibt ungeklärt. Mit dieser Ansage beginnt Regisseur Dominik Moll seinen schleichenden Thriller.

Wie packend ein Krimi sein kann, auch wenn man nie erfährt, wer der Mörder ist, hat schon David Fincher mit seiner erfolglosen Suche nach dem Serienmörder „Zodiac“ bewiesen. Die Jagd nach dem Killer lässt die Ermittler nicht mehr los, wird zur Obsession und verfolgt sie bis in ihr Privatleben.

Auch Yohan Vivés, Chef einer Einheit der französischen Kriminalpolizei, stößt gleich beim ersten Fall an seine Grenzen. Der junge und wortkarge Kommissar muss einen grauenhaften Mädchenmord in einer Kleinstadt bei Grenoble aufklären. Am Fuße der französischen Alpen. Seine Befragungen ergeben, dass es sich bei der Toten um Clara, eine attraktive Teenagerin mit wechselnden Partnern handelt.

Ihre flüchtigen Liebhaber beteuern während der Polizeiverhöre umgehend, in Clara nicht verliebt gewesen zu sein, und bezeichnen sich selbst als „Sexfreund“. Einer der Nebenbei-Lover muss während der Einvernahme blöd lachen. Ein anderer rappt in der Polizeistation einen Hate-Song vor sich hin, den er extra für Clara geschrieben hat und der davon handelt, wie er sie abfackelt.

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„In der Nacht des 12.“: Wird der Täter zum Tatort zurückkehren?

Claras freizügiges Sexualleben wird schnell zum (unausgesprochenen) moralischen Angelpunkt der Ermittlungen. Auch das ausschließlich männliche Polizeiteam rund um Kommissar Vivés kann sich Bemerkungen wie „Sie war keine Heilige“ nicht vergreifen. Die Unterstellung, Clara „habe es darauf angelegt“, bei ihren Unternehmungen auf einen brutalen Mann zu stoßen, steht greifbar im Raum.

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Männerwelt

Dominik Moll basierte seinen Kriminalfall auf ein Buch von Pauline Guéna. Ein Jahr lang begleitete die Autorin die Pariser Polizei und dokumentierte deren Mordfälle. Auch Moll bedient sich eines nüchternen Erzählstils, der in seiner Sachlichkeit das Gefühl des Dokumentarischen vermittelt. Seine Bilder sind klar, hell und aufgeräumt. Nichts weißt darauf hin, dass sich vor dem pittoresken Hintergrund der französischen Alpen grausame Morde abspielen.

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Vergebliche Polizeirecherche: „In der Nacht des 12.“

Die empathielose Männerwelt treibt Vivés in die Isolation, sein Polizeipartner verzweifelt und wirft das Handtuch. Vivés forscht alleine weiter. Die Jahre vergehen, der Täter bleibt unauffindbar. Erst, nachdem sich eine engagierte Richterin einschaltet, nimmt das Geschehen wieder Fahrt auf.

Die Frage, warum eine 18-Jährige sterben musste, lässt Vivés nicht mehr los. In einem bohrenden Gespräch mit Claras bester Freundin bringt er die junge Frau zum Weinen: „Sie reden über Clara, als ob sie eine Nutte gewesen wäre“, wirft sie ihm vor. Und sie weiß auch, warum Clara ermordet wurde: „Weil sie ein Mädchen war.“

INFO: F/BEL 2022. 115 Min. Von Dominik Moll. Mit Bastien Bouillon, Bouli Lanners.

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Die beste Freundin der Toten im Verhör: „In der Nacht des 12.“

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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