Filmkritik zu „The World to Come“: Die neue Welt gibt es nicht

Kultur

Die norwegische Regisseurin Mona Fastvold arbeitet die verbotene Beziehung zweier Siedlerfrauen in der Gründergeschichte der USA auf

Von Susanne Lintl

Der eisige Wind fegt gnadenlos ums Haus, so, als wolle sich die Natur dagegen wehren, dass der Mensch sie zum Untertan machen will. Jede Beschaffung von Brennholz, Wasser oder Nahrung ist ein Kraftakt dort draußen im rauen Nordosten der USA. In diesem unerschlossenen Teil des Landes versuchen sich der Farmer Dyer und seine Frau Abigail eine Existenz aufzubauen. Mit der Vision vor Augen, eine neue Welt zu gestalten, eine bessere, freudvollere.

Die Sinnfrage in ihrem von Arbeit und Entbehrung geprägten Leben stellt sich für Abigail und Dyer, als ihre kleine Tochter an Diphtherie stirbt. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Das Paar ist entfremdet und zu keinen Zärtlichkeiten mehr fähig. Flüchtet sich in die Trauer erstickender Routine harter Arbeit. Das Gemeinsame, das so selbstverständlich war, ist mit dem Kind verschwunden.

Als sich in der Nachbarschaft ein neues Farmerspaar niederlässt, kommt wieder Leben ins Haus. Die flamboyante Tallie und Abigail verstehen sich auf Anhieb, entwickeln binnen kurzer Zeit eine innige Frauenfreundschaft. Die rothaarige, elegante und offene Frau weckt in Abigail Gefühle, die sie noch nicht kannte.

Bald wird aus der innigen Beziehung zweier Seelenverwandter eine zu innige – ein absolutes No-Go im rigiden Wertekanon des 19. Jahrhunderts.

Mona Fastvold inszeniert die große Intimität zwischen den beiden Frauen unplakativ und sanft, ohne reißerische Szenen. Als Momente des Glücks für die beiden Frauen, in denen sie die Welt um sich ganz vergessen. Momente, die ihnen eine qualvolle Ahnung davon geben, wie ihr Leben aussehen könnte, wenn sie nicht in ihren Rollen und Konventionen gefangen wären.

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Leider nicht

Beide wissen, dass das Ganze kein gutes Ende finden kann. Auch angesichts der beiden Männer, die – wie Dyer – zutiefst misstrauisch und eifersüchtig und andererseits – wie Tallies Ehemann Kinney – sadistisch und brutal sind. Zwei Männer, die mit der Situation überfordert sind. Eindimensionale Bösewichte sind sie in Fastvolds Charakterisierung aber auch nicht.

Das Leider-nicht-Emanzipationsdrama wird getragen von der schauspielerischen Leistung seiner vier Protagonisten: Katherine Waterston als introvertiert-melancholische Abigail, die sich vom Feuer Vanessa Kirbys mitreißen lässt. Kirby beweist hier wieder einmal ihr großes Talent und ihre große Wandlungsfähigkeit. Fast zeitgleich mit „The World to Come“ machte sie 2020 auch mit dem Drama „Pieces of a Woman“, in dem sie bei der Geburt ihr Kind verliert, Furore.

Casey Affleck lässt bei seinem misanthropischen Dyer immer wieder auch Momente des Mitleids und Verständnisses durchblitzen; Christopher Abbott gibt den unsympathischen Finney mit diebischer Spielfreude.

Ein zärtlicher Liebesfilm, der zugleich beklemmendes Kammerspiel und Feel-Bad-Movie ist. In diesem Fall eine sehenswerte Mischung.

INFO:  USA 2020. 108 Min. Von Mona Fastvold. Mit Vanessa Kirby, Katherine Waterstone

Sony Pictures

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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