
Die Tauben, die am strahlenden Samstagnachmittag rund ums Wiener Hotel Intercontinental am Stadtpark flatterten, waren vermutlich nicht choreografiert.
Aber in der gespannten Aufmerksamkeit der mehr als 700 Personen, die sich auf der großen Fläche des Wiener Eislaufvereins versammelt hatten, konnte alles Bedeutung annehmen: Kommt jetzt der Heilige Geist? Es war schließlich das „Pfingstspiel“ angesagt, das erstmals von der Starperformerin Florentina Holzinger ausgerichtet wurde – im Geiste Hermann Nitschs, des großen, 2022 verstorbenen Aktionisten und Gesamtkunstwerkers.
Der Geist erschien dann in Gestalt einer nackten Frau, die sich vom Dach des Intercontinental in Zeitlupentempo an der Fassade des Hauses hinabschritt. Kundige der Performancekunst fühlten sich an ein Stück der US-Choreografin Trisha Brown erinnert, die dergleichen 1970 erstmals in New York aufgeführt hatte. Weniger Kundige dachten an den Unternehmer Jochen Schweizer, der „House Running“ als Nervenkitzel für Mutige erfolgreich in mehreren Städten vermarktet.
Spektakel, Zirkus. Kunst
Doch im Kosmos der Florentina Holzinger ist Spektakel, Zirkus und Erlebnisökonomie eben fixer Bestandteil der Kunst: Das ist in „Seaworld Venice“ so, dem viel diskutierten Österreich-Beitrag zur Kunstbiennale, der einen Wasser-Erlebnispark verspricht und neben dem skandalisierten Ensemble aus Kläranlage und Aquarium mit einem rotierenden Jetski aufwartet.
Und es war beim Pfingstspiel (Betonung auf „Spiel“) so, wo Holzinger mit einem kolossalen Materialaufwand auffuhr und Autos, ein Motorrad, einen Fallschirmsprung und einen Monster-Truck (!) zum Einsatz brachte.
Die Performance am Heumarkt (dort rotierte statt dem Jetski noch ein BMW, den Holzinger mit einem brennenden Pyrotechnik-Element im Mund bestieg), war nämlich nur der Auftakt: Mit Bussen ging es ins Schloss Prinzendorf, dem zentralen Ort des „Orgien-Mysterien-Theaters“ von Hermann Nitsch.
Aktionismus und mehr
Wie Holzinger mit diesem Oeuvre umgehen würde, wurde vorab viel diskutiert: Dass ihre Arbeit in der Tradition des Wiener Aktionismus stünde, hatten viele behauptet, während die in der Tanzwelt sozialisierte Künstlerin das eigentlich nie so sah. Gleichwohl kommt sie der Kunstströmung, die ab den 1960ern so viele Tabus aufbrach, auch nicht aus.
In Prinzendorf setzte Holzinger ganz bewusst bei Nitsch an – und rührte nicht nur in dessen kultisch-sakralen Bildwelten um, sondern auch im Kult um Nitsch selbst. Das begann mit einer „Malaktion“ an der Stirnseite des Schlosshofes, wo eine nackte, in Kreuzstellung vor einer Leinwand verharrende Performerin mit roter Farbe besprengt wurde.
Allerdings sprühten nicht Menschen, sondern zwei Drohnen die Farbe auf Wand und Körper. Die Ergebnisse des von der menschlichen Geste befreiten Malakts wurden live auf Screens links und rechts der Leinwand übertragen. Auf diesem Techno-Triptychon sollten im Verlauf des Abends noch viele starke Bilder erscheinen, darunter Nahaufnahmen einer Operation, bei der sich Performerinnen Haken unter die Haut einsetzen ließen.
Dass Holzinger Technik mit extremer Körperlichkeit zusammenbringt, ist ein durchgehender Wesenszug ihrer Arbeit – und ein grundlegender Unterschied zu der auf reine Unmittelbarkeit zielenden Aktionskunst früherer Generationen. Drohnen sind dabei ebenso Körperprothesen wie Fahrzeuge, Musikinstrumente, Mikrofone und Verstärkeranlagen.
In Prinzendorf schwoll am Abend das Getöse immer weiter an, als schließlich ein im Hof platzierter Panzer durch den Hof bewegt wurde. Holzinger, wie immer nackt bis auf einen Gurt für technische Geräte, sollte auch dieses Monster bezwingen, und zwar mit einem Trial-Motorrad. Währenddessen steigerte sich die Sängerin …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



