Florentina Holzingers „Sancta“ – eine Holy Horror Freak Show

Kultur

Wiener Festwochen: Standing Ovations und Jubel für Florentina Holzingers überbordende Abrechnung mit der Kirche

Hans-Georg Wegner, dem Intendanten des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, ist ein Coup geglückt: Er animierte die Choreografin und Extrem-Performerin Florentina Holzinger zu ihrer ersten Operninszenierung. Und es nimmt nicht wunder, dass die Vorgabe – der Einakter „Sancta Susanna“ von Paul Hindemith zu einem Libretto von August Stramm aus 1922 – deren Fantasie geradezu beflügelte. Denn vor dem Altar erzählt Klementia ihrer Ordensschwester Susanna die Geschichte von Beata, die unbekleidet den Leib Christi umarmte und küsste, worauf sie lebendig eingemauert wurde. Susanna fordert diese Strafe nun auch für sich.

Doch diese Oper, einst ein veritabler Blasphemie-Skandal, dauert keine halbe Stunde: Florentina Holzinger nahm sie als Ausgangspunkt für ein Hochamt über (weibliche) Selbstermächtigung. In „Sancta“, bis 15. Juni als Koproduktion mit den Wiener Festwochen in der Halle E des Museumsquartiers zu bejubeln, rechnet sie gewitzt wie angriffslustig mit den patriarchalen Strukturen der katholischen Kirche ab. Und sie folgt bei der etwas mehr als zweieinhalbstündigen Messe dem Ordinarium mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei.

Ans Kreuz schlagen

Dass es ziemlich deftig werden würde, ahnte man bereits beim Einlass: Gut zwei duzend Nonnen mischten sich unters Publikum und boten im Foyer recht sonderbare Produkte zum Kauf an, darunter Reliquien (Rippe, Bauch, Bein) und Nägel, die lang genug sind, um jedermann ans Kreuz schlagen zu können. Doch zunächst geht es – für Holzingers Verhältnisse – äußerst gesittet und konventionell zu: Andrea Baker (als Klementia) und Cornelia Zink (als Susanna) singen in Nonnentracht an der Rampe zum Publikum zu zarten Melodiebögen. Doch von der Tribüne aus schmusen sich Liebende heran. Nackt natürlich – und natürlich nackt.

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Wie von Geisterhand fällt ein Stein aus der Mauer, und damit bricht der Damm der Keuschheit: Unter der Leitung von Marit Strindlund steigert sich die Staatskapelle Schwerin zu einem enormen Crescendo. Quasi nahtlos übernehmen E-Gitarre und Synthesizer. Längst ist die Bühne von leckend Liebe machenden Frauen geentert: Sie hängen am riesigen Kreuz, das sich aus leuchtenden Metallbalken zusammengefügt hat, sie hängen auch an der Kletterwand ganz hinten.

Florentina Holzinger bietet mit ihrem langjährigen Team aus Schaustellerinnen, Tänzerinnen und Akrobatinnen – darunter Saioa Alvarez Ruiz, die für ihre Performance in „Ophelia’s Got Talent“ mit einem Nestroy ausgezeichnet wurde – samt dem Frauenchor des Staatstheaters Schwerin in Variationen all das, was man von ihr kennt: Magie, Klamotte, Artistik, schlicht große Oper.

Abenteuerspielplatz

Ausstatter Nikola Knežević hat für die Genregrenzen sprengende Show einen großartigen Abenteuerspielplatz gebaut. Da knallt die Chefin selbst als Glockenklöppel ununterbrochen gegen Eisen (die Szene erinnert ein bisschen an eine Performance von Flatz) – und die Schwingbewegung übersetzen die Rollerskaterinnen auf der Halfpipe. Später dient ein monströses Weihrauchfass – sehr ästhetisch – für geradezu extatische Höhenflüge. Hosanna!

In Zeiten von AI hilft ein surrender Roboterarm als göttliche Instanz aus. Und in einer äußerst markanten Aktion wird Michelangelos Fresko von der Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle mehr oder weniger ungeniert abgeschlagen.

Video und Projektionen setzt Holzinger auch im Zusammenhang mit dem Letzten Abendmahl ein: Hautnah verfolgt man das – zugespielte …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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