Hermann Nitsch: „Blut und Fleisch wird zu Blumenfleisch“

Kultur

Der Aktionskünstler und Maler im Interview über seine neuen Arbeiten (ab nun im Nitsch Museum) und die Auferstehung

Der alte Herr und große Meister verblüfft auch mit knapp 82 Jahren: Ab heute, 1. Juli, präsentiert er im Nitsch Museum Mistelbach großformatige Gemälde – in völlig ungewohnten, leuchtend hellen Farbkombinationen. Sie entstanden auf dem „Schüttboden“ von Schoß Prinzendorf bei der 81. und 82. Malaktion zwischen Juli 2019 und April 2020. Als „Schüttbilder“ sind sie aber kaum erkennbar: Hermann Nitsch arbeitete über die Grundierung, die ihn bloß inspirieren sollte, mit pastos aufgetragener, richtig „durchgekneteter“ Acrylfarbe.

Dieser lebensbejahende „Auferstehungszyklus“ wird um neue „Rinnbilder“ an den Stirnseiten, einem riesigen Feld mit kräftigen Ölkreidezeichnungen und Farbskalen ergänzt. Dass in der riesigen Installation prächtige Gladiolensträuße, alte Messgewänder sowie sehr exakt aufgelegte „Bordüren“ aus Papiertaschentuchstapeln und Zuckerwürfeln nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst. Und „der Nitsch“ ist sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis.

Thomas Trenkler

Blumenbilder: neue Farbkombinationen, pastos aufgetragen

KURIER: Lieber Nitsch, wie ist es dir während der Corona-Krise ergangen?

Hermann Nitsch: Ich will das Wort nicht hören – im Interview. Die Epidemie hat mich belästigt, mir Angst gemacht. Und die Angst hab‘ ich noch immer.

Du hast in deinem Schloss Prinzendorf gearbeitet?

So wie immer.

Mehr als sonst, weil man nicht raus durfte?

Gott sei Dank ist das Schloss groß genug. Nein, nicht mehr als sonst.

Hier in Mistelbach zeigst du neue Arbeiten. Auffallend sind fröhliche Farbkombinationen – etwa aus Orange und Rosa. Ist das für dich eine Weiterentwicklung?

Ich habe mich, wie du weißt, schon früh mit Farben auseinandergesetzt. Meine Malerei hat sehr viel mit der Ausweidung eines Tieres zu tun. Auch da gibt es eine Vielzahl von Farben. Es ging mir immer um die Substanz, um die Materie der Farbe. Ich wollte in Farbe wühlen, die Farben kneten. Am Anfang stand das Rot und das Blut, auch das Schwarz. Und später habe ich alle Farben des Regenbogens eingesetzt. Zunächst sparsam. Aber dann hab‘ ich mich immer mehr in die Welt der Farben hineinbegeben. Du wirst dich erinnern können: Hier im Museum gab es 2009 eine große Malaktion, die Wolfgang Denk, damals der Direktor, „Kathedrale der Farbe“ genannt hat.

  Die Streaming-Tipps für den Sommer

Die Farben waren aber gedeckter und schwerer …

Ja, es waren alle Farben da, aber nicht in dieser Helligkeit und Blumenbezogenheit wie jetzt. Die Malerei ist die gleiche geblieben, dieses Mal eben dominierend in diesen Farbtonarten. Das hat sich in den letzten zwei Jahren entwickelt. Je älter ich werde, desto mehr interessieren mich Harmonien. Auch das hängt mit meiner Musik zusammen.

Thomas Trenkler

Eine gewaltige Installation: ein neues Rinnbild an der Stirnseite der Halle in Mistelbach, Hunderte Ölkreidenzeichnungen (hinter spiegelndem Glas), alte Messgewänder und ein Gladiolenstrauß

Am Anfang stand das Lärmorchester …

Und jetzt schalte ich viel mehr die Harmonik ein, zum Beispiel die Tonarten C-Dur oder g-Moll, eingebettet aber in die Lärmmusik und Ganzton-Cluster. Ja, meine Arbeit hat sich in Richtung Farbe entwickelt. Blut und Fleisch wird zu Blumenfleisch.

Welche Empfindungen willst du beim Betrachter auslösen? Heiterkeit?

Meine Malerei ist das, was sie ist. Und wenn sie etwas auslöst, dann freut es mich. Also: Wenn sich jemand positiv gestimmt …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 3 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.