„Ingolstadt“ in Salzburg: Verstörend furioser Blick in die Abgründe der Seele

Kultur

Ivo van Hove reüssiert mit „Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer auf der Perner-Insel bei den Salzburger Festspielen (Von Susanne Zobl).

Quarantäne gibt es keine mehr, das Virus aber schon. Am Theater spielt es noch kräftig mit. Zuerst erzwang es die Verschiebung von „Ingolstadt“, der ersten Schauspielpremiere bei den Salzburger Festspielen, einer Koproduktion mit dem Burgtheater, dann, als man am Montag endlich spielen konnte, drei Umbesetzungen. Ivo van Hoves starker Inszenierung konnte es jedoch nichts anhaben.

Der flämische Theatermacher verbindet Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“  und „Pioniere in Ingolstadt“, 1971 großartig von Rainer Werner Fassbinder mit Irm Hermann und Hanna Schygulla verfilmt, zu einer verstörend furiosen Abhandlung menschlicher Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit.

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Das funktioniert gut, weil er den Texten dieser Autorin vertraut. Da wird klar, warum Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek die gebürtige Ingolstädterin „die größte Dramatikerin des 20. Jahrhunderts“ nannte. Fleißers (1901-1974) radikaler Blick in menschliche Abgründe ließ sogar Bertolt Brecht zu ihrem Förderer werden.

Skandal-Stück

Ihr erstes Stück „Fegefeuer“ reüssierte bei der Uraufführung. In dessen Zentrum stehen Olga und Roelle. Sie will Peps und erwartet von ihm ein Kind, der aber will weder sie noch Nachkommen und verlangt, dass sie die Schwangerschaft abbricht. Doch das wird ihr im katholischen Ingolstadt verweigert. Roelle will Olga. Sie aber mag ihn nicht. Verständlich, denn er ist ein seltsamer Kerl, der in einer Art religiösen Wahn Zuflucht sucht, und brutal ist er auch. Einem Hund hat er die Augen ausgestochen, was man in dieser Inszenierung dankenswerterweise nicht sieht.

„Pioniere“, das andere der „Ingolstädter Dramen“, geriet nach Brecht’scher Einwirkung zum Skandal in Berlin. Es erzählt von Berta und Alma, die eine sehnt sich nach wahrer Liebe, bekommt aber am Ende nur die pure Männlichkeit zu spüren. Die andere, Alma, bietet ihre Liebesdienste gegen Gebühr an. Beide hoffen bei den Pionieren, einem Trupp von Soldaten, die in der Stadt eine Brücke bauen, ihr Glück zu finden.

  Die hohe Kunst der Falte

APA/MATTHIAS HORNNichts an Gültigkeit verloren

Verblüffend, wie diese Geschichten aus den 1920er Jahren nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Van Hove zeigt, wie Grausamkeiten, die Menschen einander antun, Sehnsucht und Einsamkeit ohne Ablaufdatum sind. Das geschieht bei ihm ohne großen technischen Aufwand, jedoch mit totaler Konzentration auf den Text und höchst präziser Personenführung.

Die düstere Bühne (Jan Versweyveld ) auf der Perner-Insel ist überflutet. Das Ensemble watet während der fast zweieinhalb stündigen Aufführung ständig knöcheltief im Wasser. Das erzeugt eine eigenwillige Dramatik, ermöglicht allerlei Folterungen wie Water-Boarding und hat eine enorme (Symbol-)Kraft.

APA/MATTHIAS HORNLiebe gibt es keine, nur Lust

Zu Beginn wird das „Glaubensbekenntnis“ gesprochen, am Ende weiß man zunächst nicht, ob am vorderen Bühnenrand eine Vergewaltigung passiert, doch nein, es ist Berta, die sich ihrem Korl hingibt. Liebe gab es keine, nur seine Lust. Dann der Abzug der Pioniere nach Küstrin, zum Schluss ein Lied, gesungen und gestampft „Wir kommen alle in den Himmel“. Manche Szenen sind so stark, dass sie den Schmerz der Figuren spüren lassen. Das ist so beklemmend. Manche extrem brutal, aber so präzise choreographiert und stets punktgenau mit dem Text in Einklang.

Gespielt wird hervorragend. Marie-Luise Stockinger changiert als Olga genuin zwischen Verzweiflung und …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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