Interview zu „The Assistant“: Kein Film über Harvey Weinstein

Kultur

Regisseurin Kitty Green über „The Assistant“, den ersten Film über #MeToo: Ähnlichkeiten mit Harvey Weinstein sind nicht zufällig

Den Boss selbst sieht man nie. Manchmal hört man ihn hinter seiner Cheftür lachen oder durchs Telefon drohen. Doch seine Macht ist allgegenwärtig. Seine Belegschaft fürchtet ihn.

Den meisten Druck aber bekommt seine junge Assistentin Jane ab. Jane ist zwar die Abgängerin eines Elite-Colleges, doch ihre Arbeit in der berühmten Filmfirma besteht vorwiegend aus Kaffee kochen, am Kopierer stehen, Sandwiches holen und die Kinder des Chefs bespaßen.

Die Assistentin – von Julia Garner großartig gespielt zwischen Renitenz und Unterwerfung – beobachtet schon länger, dass sich hinter den verschlossenen Türen seltsame Dinge abspielen. Junge Frauen, die sich für Jobs bewerben, sprechen zu nachtschlafenden Zeiten vor verschwinden mit dem Boss in Hotelzimmern.

Nein, „The Assistant“ ist kein Film über Harvey Weinstein, den berüchtigten Filmmogul, der mittlerweile eine Gefängnisstrafe für Vergewaltigung absitzt (siehe Kasten). Doch es ist der erste Film, der den Weinstein-Skandal zum Thema macht, also der erste #MeToo-Film, der aus der Zeit vor #MeToo erzählt.

„The Assistant“ (jetzt im Kino) ist das Spielfilmdebüt der australischen Doku-Regisseurin Kitty Green und absolut sehenswert – weil brillant, packend und pointiert.

KURIER: Wie einflussreich war der Skandal um Harvey Weinstein für die Entwicklung Ihres Films?

Kitty Green: Ich habe bereits an meinem Projekt gearbeitet, bevor die Weinstein-Enthüllungen losgingen. Damals war sexueller Missbrauch in der Filmindustrie noch kein Thema, wurde aber bereits heftig auf dem Universitätscampus diskutiert. Deswegen wollte ich mich dort darauf konzentrieren. Als dann die #MeToo-Bewegung Fahrt aufnahm, habe ich meinen Fokus verlagert. Ich kenne viele Leute in der Filmindustrie, auch solche, die für Harvey Weinstein gearbeitet haben. Insofern bekam ich Zugang zu einer Menge Hintergrundgeschichten, die meinen Film dann umso authentischer machten.

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Kitty Green, Regisseurin des ersten #MeToo-Films: „The Assistant“

Sie haben zur Vorbereitung viele Frauen interviewt. Was hat Sie an deren Berichten am meisten schockiert?

Wenn man Menschen interviewt, die für sehr mächtige Leute arbeiten, hört man natürlich die verrücktesten Geschichten – von Hubschraubern bis hin zu Aktentaschen voller Geld. Ich habe mich aber vor allem für die Banalitäten des Bösen und die Routinen interessiert, die sich in allen Gesprächen wiederholt haben, egal, ob die Frauen für jemanden wie Weinstein oder einen Architekten gearbeitet haben. Es war beängstigend zu sehen, wie weitverbreitet bestimmte Verhaltensmuster sind. Ich wollte, dass das Publikum seinen eigenen Arbeitsalltag wiedererkennen kann.

Haben Sie deswegen die Spielfilmform gewählt?

Genau. Mein Film besteht aus diesen kleinen, abwertenden Gesten, Blicken und Micro-Aggressionen, denen die Assistentin den ganzen Tag über ausgesetzt ist. Es sind oft Dinge, die von der Umgebung kaum wahrgenommen werden, die aber das Selbstvertrauen einer Person und deren Karriereverlauf nachhaltig beschädigen können. Mit einem Spielfilm konnte ich beispielsweise mithilfe einer Großaufnahme zeigen, wie sehr sie von der vergifteten Arbeitsatmosphäre, in der sie sich befindet, verletzt wird. Außerdem: Hätte ich einen Dokumentarfilm gemacht, dann hätte das vielleicht nach einer langen Leier aus weiblichen Beschwerden geklungen, und das wollte ich vermeiden (lacht).

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Zwei männliche Kollegen wollen helfen, sind aber auch Teil des Systems: „The Assistant“

Die Assistentin sitzt mit zwei männlichen Kollegen im Büro, die auf …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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