Interview zum Cannes-Film: Menschen, von denen man nicht erzählt

Kultur

Gespräch mit dem somalisch-österreichischen Regisseur Mo Harawe, dessen „The Village Next to Paradise“ als heimischer Beitrag in „Un certain Regard“ läuft

Mo Harawe hat viel Erfahrung mit Filmfestivals. Zwar drehte er bisher „nur“ Kurzfilme, wurde aber für deren Premiere von so namhaften Filmfestspielen wie in Locarno oder der Berlinale eingeladen. Mit seinem Langfilmdebüt „The Village Next to Paradise“ gelang ihm nun ein weiterer großer Schritt: Er startet in der renommierten Sektion „Un certain Regard“ auf dem Filmfestival in Cannes als einziger österreichischer Beitrag.

Doris Erben

Debüt auf  dem Filmfestival in Cannes: Regisseur Mo Harawe 

„Cannes ist natürlich etwas ganz Besonderes“, sagt Mo Harawe im KURIER-Gespräch: „Dadurch bekommt mein Film mehr Aufmerksamkeit.“ Und natürlich ist es auch etwas ganz Besonderes, mit einem Debüt gleich in Cannes zu landen. Aber in seiner Selbstbeschreibung bleibt Mo Harawe zurückhaltend. Von ihm wird man keine Sätze hören wie „Ich wollte immer schon Regisseur werden“, oder: „Seit ich denken kann, gehe ich ins Kino.“

Stattdessen wird der eigene Werdegang eher als Understatement erzählt: „Es ist nicht so, dass ich immer schon den Traum hatte, Filmemacher zu werden. Es hat sich ergeben. Ich bin durch Zufall zum Film gekommen.“

Zufall oder nicht: Irgendwann begann Harawe in Österreich Filme zu drehen – „Und irgendwann gibt es keinen Weg zurück. Und jetzt bin ich da, wo ich bin.“

Geboren 1992 in Mogadischu, kam er 2009 nach Österreich und lebt sehr gerne in Wien: „Eine tolle Stadt.“

Er hat die österreichische Staatsbürgerschaft und versteht sich als somalisch-österreichischer Filmemacher.

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Filmschule hat er keine besucht, sondern es war alles „Learning by Doing“, sagt er und lacht: „Ich hatte viel Glück, dass es geklappt hat.“

Die sogenannte „Flüchtlingswelle“ von 2015 inspirierte ihn zu seinem Kurzfilm „Die Geschichte vom Eisbär, der nach Afrika wollte“ (2018). Ursprünglich hatte Harawe geplant, eine somalische Frau in den Mittelpunkt zu stellen, fand aber keine Schauspielerin. Also schrieb er das Drehbuch um, passte es an zwei syrische Darsteller an und erzählte die Fluchtgeschichte einer Syrerin, die nach Österreich gelangen will, aber in der Slowakei strandet.

Gut möglich, dass auch eigene Migrationserfahrungen mit einflossen: „Jeder Film ist eine Auseinandersetzung mit etwas, womit ich mich gerade beschäftige.“

Giftmüll

Der Nachfolgefilm „1947“ handelte von „einer Familie mit dunkler Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg“, ließ sich aber nicht nach seinen Vorstellungen umsetzen. Es mangelte an Zeit und Geld. Harawe musste Teile seines Drehbuchs fallen lassen, und fand das Projekt am Ende „nicht so richtig gelungen“. Die Lehren, die er daraus zog: „Man kann Filme auch anders machen.“ So entstand die Idee zu dem mehrfach ausgezeichneten, in brillantem Schwarz-Weiß gedrehten Kurzdrama „Life on the Horn“ (2020). Gedreht wurde in Somalia, mit kleinem Filmteam, billiger Kamera und ohne Zeitdruck.

Das Schwarz-Weiß der Bilder folgte keinen stilistischen Überlegungen, sondern ergab sich aus dem Thema des Films, „in dem es um eine tote Landschaft geht“: Ein Sohn lebt mit seinem gebrechlichen Vater an der somalischen Küste in einer Gegend, die von toxischem Müll verseucht ist, den europäische Länder dort abgeladen haben. Wer kann, zieht weg.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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