Jelineks „Angabe der Person“: Elfi fängt schon wieder damit an

Kultur

Das Deutsche Theater Berlin gastiert mit Jossi Wielers Uraufführungsinszenierung von „Angabe der Person“ bei den Festwochen

Elfriede Jelinek lebt zwar zurückgezogen, verbrachte aber viel Zeit bei ihrem Mann Gottfried Hüngsberg in Bayern. Der Komponist und Informatiker erlitt am 2. September 2022 einen Sekundentod. Wenige Monate später brachte Jossi Wieler, der schon viele Stücke der Literaturnobelpreisträgerin inszeniert hatte, deren Stück „Angabe der Person“ am Deutschen Theater Berlin zur Uraufführung.

Seine ausschließlich dem Text verpflichtete Umsetzung – die mit einem Nestroy für die beste Aufführung ausgezeichnete Produktion ist noch heute im Volkstheater als Gastspiel bei den Wiener Festwochen zu sehen – wurde so etwas wie ein Nachruf auf ihn: Als blasser Techniker, der das Werkl am Laufen hält, befindet er sich, verkörpert von Bernd Moss, von Anfang an auf der Bühne – und er hat auch, nach zweieinhalb Stunden ohne Pause, das Schlusswort: Er liest ein paar Sätze aus dem Textbuch, dann klappt er es unvermittelt zu.

Dazwischen wirkt er abwesend, vielleicht auch genervt von den Litaneien und den „depperten Witzen“ der Jelinek. Aber er hört genau zu. Mitunter mischt er sich ungefragt ein: „Elfi, fang nicht schon wieder damit an! Lass die Toten ruhen!“ Und wenn sie sich fragt: „Warum sag ich das jetzt?“, dann stöhnt er: „Ich weiß es nicht.“

Natürlich sind das eigentlich Selbstgespräche. Und natürlich steht nicht er im Mittelpunkt: Samt dem Technik-Equipment auf einem Tischchen rotiert er nur als Trabant mit der Bühnenbild-Skulptur von Anja Rabes, einer Wohnhaus-Ruine. Hin und wieder wird die Toilette mit der absurden Fisch-Toilettenschüssel genutzt (etwa um eine Zigarette zu rauchen), aber zumeist steht Elfriede Jelinek vorne an der Rampe – und ereifert sich wortgewaltig.

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Jossi Wieler hat die enormen Textmassen, „150 eng beschriebene Seiten“, um die Hälfte gekürzt – und die Tirade auf drei Schauspielerinnen verteilt, die nacheinander dreiviertelstündige Monologe halten. Sie sehen sich mit ihren leicht orangen Haaren zum Verwechseln ähnlich: Ausstatterin Rabes hat sie leicht jelinesk eingekleidet: weiße Bluse, blau-lila Pullunder und schwarze Hose.

Die Steuerprüfung

Linn Reusse macht den Anfang. Sie knallt wütend einen Aktenordner mit Belegen auf den Boden: „So, bauen wir mal meine Lebenslaufbahn. Hauptsache, ich muss sie nicht selbst noch einmal entlanglaufen. (…) Ich entziehe mich lieber selbst, bevor ich etwas hinterziehe.“ Elfriede Jelinek musste in Deutschland eine Steuerprüfung über sich ergehen lassen, und die Beamten müssen verstörend unangenehm, übergriffig gewesen sein. Die Schriftstellerin verschafft sich Luft: Ihr Text ist fast eine Chronologie der laufenden Ereignisse, in der Sekunde notiert. Und wie wir es von ihr kennen: Sie schweift ab, mäandert, ergeht sich in Sprachspielen, mahnt sich selbst, findet kein Ende und dann doch wieder zurück zum roten Faden.

Auch Paranoiker können verfolgt werden, stellt sie mittendrin fest. Und so räsoniert sie, von den Steuereintreibern verfolgt, über die Judenverfolgung, über die Schicksale in ihrer eigenen Familie. Elfriede Jelinek erzählt von ihrem Cousin Walter Felsenburg, der mit seiner Frau Claire flüchten musste, von deren Schwester Lotte, die den Holocaust überlebte, von dessen Vater Adalbert, der im KZ Dachau einen Arm verlor und sich nach Kriegsende das Leben nahm. Sie erzählt auch von ihrem geizigen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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