Josefstadt: Ein Whistleblower im Giftwasserbad

Kultur

Kritik: „Ein Volksfeind“ als brandaktueller Bühnen-TV-Film mit großartiger Politiker-Parodie.

Alte Theaterregel: Wenn eine Betonmischmaschine auf der Bühne steht, wird sie auch irgendwann eingeschaltet.

Kleinliche Anmerkung dazu: Wenn jemand Zement in eine Betonmischmaschine wirft, aber keinen Sand oder Kies und kein Wasser dazugibt, wird das Mischen wenig bringen und das Haus wird nicht lange stehen. Hier hätte sich die Regie (David Bösch) Tipps beim örtlichen Baumarkt holen sollen.

Aktuell

Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“, geschrieben vor etwa 140  Jahren, ist so aktuell, dass man es fast nicht glauben kann: Eine Badeanstalt – hier: ein Wellness-Tempel – soll eröffnet werden und die Stadt reich machen. Aber ein Arzt stellt fest, dass das Wasser vergiftet ist – der daran Schuldige ist ausgerechnet der Schwiegervater des Arztes, ein Industrieller.

Leider will niemand die Wahrheit hören, der Bürgermeister (Bruder des Arztes) stempelt diesen zum Verräter. Und auch die Medien, die zuerst hoch interessiert sind an den Enthüllungen des Whistleblowers, lassen sich kaufen. Der Arzt wird daraufhin zum Fanatiker, der im Kampf für die „Wahrheit“  letztlich auch die eigene Familie zerstört.

 

APA/PHILINE HOFMANNFernsehfilm

Für das Theater in der Josefstadt wurde eine neu bearbeitete, stark gestraffte Textfassung (nach Arthur Miller) erstellt, vieles entstand beim Proben in Improvisationen.  Regisseur David Bösch arbeitet mit Werbeeinblendungen („Ich für euch – ihr für mich: Fjord-Therme“) und Breaking-News-Laufbändern.

Die Bühne (Patrick Bannwart) zeigt auf der einen Seite eine Baustelle, auf der anderen das Büro des Bürgermeisters samt übergroßem Schreibtisch. Laptops werden auf- und zugeklappt, Bierflaschen an der Tischkante geöffnet, häufig läuten Handys. Manchmal hat man das Gefühl, sich in einem geschmeidig inszenierten SAT1-Fernsehfilm zu befinden.

  ",Hamilton` ist ein sehr politisches Stück"

Gespielt wird hervorragend. Roman Schmelzer entwirft den Dr. Stockmann als erstaunlich naiven Charakter, der irgendwann den Tunnelblick bekommt und sich als Märtyrer gefällt, als eine Art männliche Greta Thunberg.

Schleimig

Hinreißend ist die Gestaltung des Bürgermeisters durch Josefstadt-Neuzugang Günter Franzmeier, der einen schleimigen Politiker hart am Rand der Parodie spielt. Diese Darstellung ist so genau beobachtet – „wir werden ein großartiges Paket schnüren“ – dass man instinktiv hofft, dieser Peter Stockmann möge nicht bei der Bundespräsidenten-Wahl antreten.

Martina Ebm hat als zwischen der Loyalität zu ihrem Mann und der Sorge um ihre Familie zerrissene Arztgattin relativ wenig Text, deutet aber mit wenigen Gesten einen hoch interessanten Charakter an.

Sehr stark sind auch André Pohl als feiger, anpassungsfähiger Verleger und Unternehmer,  Johannes Seilern als gewissenloser Industrieller, Oliver Rosskopf als zuerst kämpferischer, aber dann mutloser Chefredakteur und Jakob Elsenwenger als Jung-Karrierist.

Erwähnt sei ausdrücklich auch Theodor Machacek, der bei der Premiere den kleinen Sohn der Stockmanns spielte – ein großes Talent mit ausgezeichnetem Timing!

 

APA/PHILINE HOFMANNFazit

Am Ende gab es fast ein wenig übertrieben wirkenden Jubel (durchsetzt mit vielen spitzen Schreien) für eine zwar gute, aber auch ein wenig beliebige Inszenierung.

Sagen wir es so: Wer einen spannenden, knapp zwei Stunden kurzen, sehr modisch aussehenden Theaterabend über ein brandaktuelles Thema sehen will, wird hier bestens bedient. Großes, unvergessliches Theater ist das nicht unbedingt, aber das muss ja auch nicht immer sein.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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