Kraftwerk vor Schönbrunn: Radioaktivität im Kaiserpalast

Kultur

Die Elektronik-Pioniere Kraftwerk traten vor dem Schloss Schönbrunn auf – ein faszinierendes Gesamtkunstwerk.

Vom Eingang beim Haupttor vor dem Schloss Schönbrunn sieht die Bühne enttäuschend klein aus. Ein wenig breites, aber extrem exponiertes Podest hebt vier Keyboardständer auf die Höhe der Balkone des Schlosses.

Aber man weiß: Heut treten Kraftwerk hier auf. Man weiß, dass die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere, die von David Bowie über Dr. Dre bis zur Detroiter Techno-Szene alles beeinflusst haben, nach 55 Karriere-Jahren nur mehr spezielle Konzerte spielen.

Spektakulär

Tatsächlich wird es sofort spektakulär, als die vier Musiker auf die Bühne kommen: Quer über die Breite des Schlosses zucken zu den Beats von „Numbers“ grüne Ziffern. Die Fassade des Kaiserpalastes wirkt wie ein riesiger Computerbildschirm aus den frühen 80er-Jahren. Weiter geht es mit „Computerwelt“ und „Die Mensch-Maschine“, die Projektionen, deren Bilder man von früheren Konzerten von Kraftwerk kennt, dabei stets monumental auf das ganze Schloss ausgedehnt.

Overalls mit Leuchtstreifen

Auf einmal macht die kleine Bühne Sinn. Ralf Hütter, das nach dem Tod von Florian Schneider im Jahr 2020 einzige verbliebene Gründungsmitglied von Kraftwerk, war immer einer, der die Musik über den Personenkult gestellt hat. Extrem selten gibt er Interviews, und immer steht er mit den Mitmusikern in einer Reihe – alle eingehüllt in uniforme, mit Leuchtstreifen besetzte Overalls, wodurch die Individuen nur aus der ersten Reihe vor der Bühne an den Gesichtern erkennbar sind. In Schönbrunn verschwinden sie in der mächtigen Inszenierung, und das ist gut so. Sie sind der Motor der Show, aber für den Eindruck des Gesamtkunstwerks nicht wichtig. Hervorgehoben könnten sie sogar stören – wie die Fenster im Schloss, hinter denen während der Show das Licht angeht, was unpassende Flecken in die Projektionen reißt und trotz der tranceartigen Atmosphäre der Show ablenkt.

  Neues von Chris Haring bei ImPulsTanz: Wenn Liebe in Hass kippt

Hit-Feuerwerk

Kraftwerk haben für das Wien-Konzert all ihre Hits ausgepackt, spielen sie in verlängerten Versionen, in die sie wie in ein Medley andere Werke einbauen. Bei „Tour de France“ zum Beispiel die Titel „Chrono“ und „Étape 2“ vom „Tour de France“-Album.

Ihr vielleicht größter Hit „Autobahn“ darf früh im Set alleine glänzen, zeigen, wie exzellent auch die Musik ist: Der Sound ist glasklar. Die minimalistischen Keyboard-riffs, auf die Kraftwerk ihre Songs aufbauen, sind markant und jedem bekannt, die Technobeats kitzeln das Tanzbein und die ebenso minimalistischen Texte, bei denen ein paar Worte rhythmisch wiederholt werden, verraten den ironischen Ansatz mit dem Kraftwerk Fortschritt und Technik zelebrieren.

Symbiose aus Sound und Licht

Zusätzlichen Charme bekommt die Show dadurch, dass gut hörbar ist, dass die Musik live gespielt wird. Einmal klingt Hütters Stimme kurz kratzig, ein anderes Mal sind Keyboards für ein paar Sekunden zu laut.

Ein weiterer Höhepunkt ist „Geigerzähler/Radioaktivität“, bei dem das Schloss bei den wuchtigen Musikeinsätzen in grellem Rot erstrahlt. Die Szene ist das Paradebeispiel dafür, wie die gigantische Show die Musik unterstützt, ohne sie zu bevormunden, wie die Symbiose aus Sound und Licht eine unwiderstehliche Atmosphäre vor das Schloss zaubern kann.

Am Ende hätte man sich vielleicht noch gewünscht, auch „The Model“ gehört zu haben. Aber nein, eigentlich war es perfekt.

…read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.