Künstler Viktor Rogy: Der Eremit von gegenüber

Kultur

Viktor Rogy (1924 – 2004) war für den KURIER-Kunstkritiker der Erstkontakt zur Avantgarde. Ein neues Buch rüttelt Erinnerungen wach

„Aan KURIER und aa Bier.“

Seltsamerweise ist mir noch gut in Erinnerung, wie der dickliche Mann, der außer einem schlohweißen Hitlerbärtchen keine Haare auf dem Kopf trug, bei unserem Greißler, dem Leutschacher, an die Budel trat und diese Worte sprach. Ich muss damals vielleicht zehn Jahre alt gewesen sein.

Dass mich diese kurze Episode geprägt haben könnte – von der Wahl des Arbeitgebers und des Lieblingsgetränks bis zur Schwäche für Wortspielchen – scheint etwas weit hergeholt. Fest steht aber, dass Viktor Rogy, so der Name des Glatzkopfs, der erste Künstler war, dem ich bewusst begegnet bin.

Wilfried Kofler

Was dieser Rogy genau machte, war mir freilich genauso wenig klar wie den meisten Erwachsenen in der Nachbarschaft, denen der Exzentriker in erster Linie hoch suspekt war. Und auch nach der Lektüre der über 500 Seiten starken Biographie „Jeden Tag Cowboy“, die der Publizist Wolfgang Koch vor Kurzem veröffentlichte, bleibt Rogy schwer fassbar: Definierte sich der Künstler, der 2004 im 80. Lebensjahr verstarb, doch in vielem über die Ablehnung und Verweigerung, war mehr Bilderstürmer als Bildermacher.

Rogys bildnerisches Werk blieb dazu untrennbar mit seinem extremen Leben verknüpft, sodass das Materielle allein mitunter nicht viel sagt – wenngleich der gelernte Maurer und Stuckateur, der sich lange Zeit als Arbeiter auf Kärntner Schlössern verdingte, sein Handwerk beherrschte und auch hochhielt.

Alles und nichts

Rogys Werk manifestierte sich u. a. in Performances, Gedichten, Künstlerbüchern, Skulpturen, Architektur-Interventionen, Zeichnungen auf Wirtshausblöcken und in „Ready Mades“, zu Kunst erklärten Alltagsobjekten. Wie Koch überzeugend argumentiert, hätte nicht alles, aber doch vieles davon international Beachtung verdient. Der Biograf vergleicht Rogys Außenseiter-Position mit dem ebenfalls spät entdeckten, aber heute kanonisierten Slowaken Július Koller, dem italienischen Provokateur Maurizio Cattelan oder dem deutschen Allesverwerter Hans-Peter Feldmann. Auch der heute in Museumssammlungen angekommene österreichische Kunst-Anarcho Padhi Frieberger erscheint als Geistesverwandter.

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Vernebelter Blick

Anlässlich der Überblicksschau „The Beginning“ – wo mit Reimo Wukounig immerhin ein anderer unterschätzter Kärntner zu Ehren gelangt – merkte Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder zu Recht an, dass der Blick auf heimische Künstler oft durch Wirtshausgeschichten und eine daraus resultierende Scheinvertrautheit verstellt war und ist. Auf Rogy trifft dies zweifellos zu: Wenngleich er sich mit Rückgriff auf den deutschen Mystiker Joseph Anton Schneiderfranken alias Bô Yin Râ (1876 – 1943) und auf Zen-Lehren eine Philosophie der Reinheit zurechtgelegt hatte, war er auch ein Trinker und geriet in so manche Schlägereien, wie Koch zu berichten weiß.

Viktor RogyBeim Wirten

Das Gasthaus Vrabac, in dem sich einige solcher Episoden zugetragen haben müssen, liegt an der Rückseite jenes Häuserblocks, in dem sich auch mein Elternhaus befindet. Für uns Kinder war das Lokal stets tabu. Rogy selbst wohnte im Block gegenüber, im Hofgebäude eines Hauses, das, wie ich erst spät erfuhr, der Malerin Maria Lassnig gehörte: Sie hatte es von ihrer Mutter geerbt und, während sie in New York weilte, untervermietet.

Michael Huber

Rogy lebte im Hinterhaus wie ein Mönch, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo. Dass hier, am Klagenfurter Stadtrand, ein Hotspot der Avantgarde gewesen sein sollte, scheint mir kurios …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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