Nach dem Nobelpreis: Eine finstere Zeit geht in die andere über

Kultur

Abdulrazak Gurnah und deutsche Kolonialgeschichte in „Nachleben“

Nichts gab es von ihm in den österreichischen Buchhandlungen, gar nichts, und selbst in Großbritannien, wo er seit seiner Flucht 1969 aus Sansibar lebt, war kaum eines seiner zehn Bücher zu finden.

Manche Namen funktionieren einfach nicht, hat es geheißen. Abdulrazak Gurnah funktionierte nicht.

Nach dem Nobelpreis 2021 funktioniert er? Sogar in Deutschland?

Askari

Gurnah schreibt über die Kolonialgeschichte. Über Deutsch-Ostafrika (1885 bis 1918), hauptsächlich während des 1. Weltkriegs, als Deutsche mit Briten um Afrika kämpften.

Im Jahr 1913 herrschten 4.100 Deutsche über 7,6 Millionen Afrikaner.

Gurnah sagt: Deutschland weigere sich, diese Zeit zu thematisieren. Damit habe man verabsäumt, ähnlich wie Frankreich das Gute herauszustreichen (Schulen, Eisenbahn); es bleibe nur deutsche Brutalität zurück.

Der Zweite Weltkrieg habe den Kolonialismus überlagert, und es sei schwierig genug, die Deutschen zur Auseinandersetzung mit Auschwitz zu motivieren …

Sein aktueller Roman „Nachleben“ verbindet beide finstere Zeiten. Ein Afrikaner, der für die Kolonialherren kämpfte, wird 40 Jahre später in einem Konzentrationslager ermordet.

Abdulrazak Gurnah holt Details aus dem Vergessen, diesmal die Schutztruppe: Einheimische Soldaten (= Askari) im Dienst der Deutschen, gegen die Engländer. Und besonders grausam gegenüber Afrikanern.

Nur 1.000 deutsche Soldaten waren im Land. Es waren die gedrillten Askari, die gegen Aufständische Krieg führten. Sie sorgten für 100.000 bis 300.000 Tote. Genau weiß man es nicht. (Aber die Zahl der europäischen Opfer wird überall mit exakt 15 angegeben.)

Vier Schicksale, die sich kreuzen. Verwandte. Drei Burschen, ein Mädchen. Jedes einzelne Schicksal kann auch als eigene Geschichte über die Jahrzehnte hinweg gelesen werden.

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Es sind arme, gute Menschen. Es gibt auch gute Deutsche. Der Unterschied ist: Die Deutschen hatten die Macht, menschlich oder unmenschlich zu sein. Wenn ihnen danach war, waren sie nett. Wenn nicht, tränkten sie die Erde mit Blut.

Von zwei Männern ist die Rede, die Glück hatten, sie haben Deutsch gelernt, haben Jobs bekommen und revanchieren sich, indem sie sich von Offizieren in Grausamkeit unterrichten lassen und Söldner für Deutschland werden.

Sie haben sich „fressen“ lassen.

Gurnahs Prosa ist nicht spektakulär, das macht sie kostbar. Er schreibt in Zeitlupe, am Ende im Zeitraffer. Seine Sätze springen keinen vierfachen Axel, um Leser ins Buch zu ziehen. Anfangs deshalb irritiert, folgt man später freiwillig; und langsam wachs ma zsamm.

Abdulrazak Gurnah:
„Nachleben“
Übersetzt von Eva Bonné.
Penguin Verlag.
384 Seiten.
27,50 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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