Nell Zink: Geschichte einer Ehrgeizlosen

Kultur

Warum Nell Zinks Roman über ein ambitionsloses junges Mädchen wahrscheinlich sehr amerikanisch ist

Avalon, das ist ein mythischer Ort, bekannt aus dem Sagenkreis um König Artus. Außerdem ein Song von Roxy Music.

Beide, Artus und Roxy Music, werden in Nell Zinks Roman „Avalon“ gestreift. Weit unspektakulärer aber geht es hier zunächst um ein kalifornisches Touristenkaff gleichen Namens. Hier erlebt Bran als Kind ihre letzten und einzigen Stunden normalen Familienlebens. Bootfahren und Burgeressen. Bald danach verschwindet die Mutter in ein buddhistisches Kloster, sie hinterlässt dem vaterlosen Kind nur ein paar Bücher über König Artus.

Bran lebt fortan auf einer Farm, wo ihr Stiefvater, Mitglied des zwielichtigen Henderson-Clans, und dessen Vater Larry eine Baumschule betreiben, für die sie exotische Pflanzen importieren. Vielleicht auch anderes, wer weiß das schon. Am ehesten wohl Grandpa Larry und seine Biker-Saufkumpane. Angesichts dieser guten Kontakte unbehelligt von Behörden, gärtnern die Hendersons für Reiche und beuten Arbeiter sowie Kinder, also Bran, aus.

Die Arbeiter werden zu Brans einzigen Freunden. „Die fremden Lieder, die sie mir beibrachten, habe ich vergessen, aber ich erinnere mich an ihre Namen – Eric, Roger und Simon – denn Grandpa Larry war ein höllisches Ein-Mann-Ellis-Island.“ Die amerikanische Einwanderungsbehörde hatte einst allen Immigranten angelsächsische Namen verpasst. Die Hendersons, die sich für die tatsächlichen Ureinwohner Kaliforniens halten, machen es ebenso. Bran hält diese rassistischen Halbkriminellen für ihre Familie, eine andere hat sie nicht. Sie schuftet auf der Farm und in der Schule. Unzufrieden wirkt sie trotzdem nicht. Auch nicht, als sie Anschluss an wohlhabendere Kids findet– darunter den schwulen, ob des elterlichen Wohlstandes abgehobenen Jay, dessen Interesse der Eurythmie, also der getanzten Sprache, gilt. In dessen guten Freund Peter wird sich Bran später verlieben und erst da entdecken, dass sie hübsch ist – „wie Audrey Hepburn“, was bis dahin weder ihr noch jemand anderem aufgefallen ist, weil sie ja immer recht ungepflegt daherkommt.

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Rowohlt

Nell Zink:
„Avalon“.
 Übersetzt von Thomas
Überhoff
Rowohlt.
270 Seiten.
24,70 Euro

KURIER-Wertung: 4 von 5 Punkten

 

Nicht der erste und nicht der letzte unglaubwürdige Moment dieses merkwürdigen, aber sympathischen Romans. Am wenigsten versteht man Brans Zuneigung zu Peter, der zwar ein hübscher Kerl, aber ein egomanischer Schwätzer ist, ständig Halbwahrheiten über europäische Literatur daherfaselt.

In dieser Unwahrscheinlichkeit liegt auch der Reiz dieses Romans, dessen Hauptdarstellerin fast schon faszinierend ehrgeizlos ist und sich von allen, einschließlich ihrer sogenannten Freunde, ausnutzen lässt und es „so verdammt schön“ findet, sich ständig die Finger zu verbrennen.

In gewisserweise ist diese Unwahrscheinlichkeit sehr amerikanisch. Hier ist alles möglich, man ist schnell oben und schnell unten. Eben noch schläft Bran in ihrem Auto und ist quasi obdachlos und schon ist sie am Weg zur Drehbuchautorin und Gast bei Reichenpartys.

Die Kalifornierin Nell Zink, 2016 mit „Der Mauerläufer“ bei uns bekannt geworden, lebt seit einigen Jahren in Berlin. Vielleicht ist ihre USA-Ferndiagnose „Avalon“ auch eine Parodie. Man liest sie jedenfalls gern.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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