Regisseurin Andrea Breth sieht „eine grenzenlose Verrohung“

Kultur

Die Regisseurin über Theater und Gesellschaft, über Ibiza, „Ich-AGs“ und das gute Benehmen. (Von Susanne Zobl)

„Wenn Kultur wegbricht, wird der Platz frei für Gewalt“, sagte Regisseurin Andrea Breth bei der heurigen Nestroy-Verleihung, bei der sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. „Dann wird es nur noch eine Generation von Idioten geben.“

Im KURIER-Interview spricht Breth nun über ihren Abschied vom Burgtheater, über #MeToo und Rechtsextremismus. Und über die Stärken des Theaters.

KURIER: Sie sagten in Ihrer Dankesrede, dass Sie über die Ehrung mit dem Preis für Ihr Lebenswerk erschrocken waren. Wie gefällt Ihnen diese Würdigung?

Andrea Breth: Sie freut und erschreckt mich, denn ich lebe noch, aber es scheint nicht so zu sein, dass man seine Beerdigung vorbereiten muss, wenn man diesen Preis bekommt.

Bei Ihrem Vorgänger war das nicht der Fall. Peter Handke bekam ein Jahr nach dem Nestroy- den Nobelpreis.

Diese Gefahr besteht bei mir nicht, da ich nicht schreibe.

Was sagen Sie dazu, dass die Debatte um Handke nicht abreißt?

Das ärgert mich. Was ein Mensch privat denkt und macht, kann man doch nicht mit der Literatur, die er schreibt, vermischen. Seine politische Auffassung kann man teilen oder nicht, aber ich habe jetzt keine Lust, darüber zu sprechen.

Weshalb haben Sie nie ein Stück von Handke inszeniert?

Weil ich zu seinen Texten keinen Zugang finde. Auch Nestroy und Raimund inszeniere ich deshalb nicht.

Sie haben das Burgtheater 20 Jahre lang mit Ihren Inszenierungen geprägt. Martin Kušej, der neue Direktor, verzichtet auf Sie. Stimmt es, dass er Ihnen das per eMail ausrichten ließ?

Herr Kusej hat mir gar nichts geschrieben. Die amtierende Intendantin, Frau Bergmann, hat den Vertrag nicht verlängert. Das ist juristisch in Ordnung. Dass eine neue Intendanz alles neu machen möchte, verstehe ich auch, aber das Benehmen von Herrn Kušej ist befremdlich. Denn wir kennen uns. Als ich „Ratten“ (von Gerhart Hauptmann, Anm.) inszenierte, war er im Haus. Es wäre nicht schwierig gewesen, mich zu treffen. Es ist auffällig, dass die Frage nach dem Benehmen keine große Rolle mehr spielt. Ich stelle eine grenzenlose Verrohung fest: Unhöflichkeit, Unachtsamkeit, Respektlosigkeit. Das ist langsam bedrohlich. Nicht umsonst sind Begrifflichkeiten, wie das fatale Wort „Ich-AG“ aufgetaucht. Die Menschen leben mit ihren Computern in ihren eigenen Welten. Die Individualität geht verloren.

Früher war das Burgtheater bekannt für Aufführungen, von denen man wusste, dass sie nur an diesem Haus in dieser Art entstehen konnten. Was ist da geschehen?

Es gab einmal ein Burgtheaterensemble. Es gab Regisseure, die ausschließlich an diesem Haus inszeniert haben. Das habe ich auch gemacht. Außer an der Burg inszenierte ich nur Opern und Koproduktionen. Ich machte das gern, weil ich einen Stamm von Schauspielern hatte. Und weil wir uns kennen, sind wir zu besseren Ergebnissen gekommen. Wenn aber die Theater Durchgangsbahnhöfe werden, entsteht eine Art von Beliebigkeit. Es ist heute schwierig, Schauspieler ausschließlich an ein Haus zu binden. Wenn sie Film machen, verdienen sie sehr gut. Das aber können die Häuser nicht bezahlen. Ich weiß nicht, wie Herr Kusej mit diesem Problem umgehen wird.

Welche Möglichkeiten hat das Theater, auf politische Ereignisse zu reagieren?

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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