Schiele, der Dandy und der Stromschlag

Kultur

„The Body Electric“ im Leopold Museum unterstreicht die Rolle von Körpern, Elektrizität und Medizin in der Wiener Moderne

Er muss ein charismatischer Typ gewesen sein – dandyhaft, exaltiert, mit stechenden Augen. Mit festem, fast hypnotischem Blick zeichnete er sich selbst, als „Mime van Osen“ taucht er – mit gelängten Fingern, langen Wimpern und wie aufgeschminkt wirkender Gesichtsfarbe – in einigen Aquarellen auf, die sein Freund Egon Schiele 1910 von ihm anfertigte.

Dass Erwin Dominik Osen (1891–1970) einen profunden Einfluss auf Schieles Werk hatte und besonders für dessen sprechende Gesten als zentraler Impulsgeber gelten muss, ist im Schiele-Kennerkreis wohl bekannt. Wie der Tausendsassa, der im Gründungsdokument der „Neukunstgruppe“ 1909 neben Schiele als „Maler für Theater-Kunst“ aufscheint, sonst mit den Strömungen seiner Zeit vernetzt war und daraus Bemerkenswertes generierte, ist eher unbekannt.

Leopold Museum Wien/Manfred ThumbergerLicht an!

Hier setzt die erkenntnisreiche Ausstellung „The Body Electric“ an, die im übertragenen wie im buchstäblichen elektrotechnischen Sinn mehrere Kreise schließt. Kristallisationspunkt sind dabei neun bisher nicht öffentlich präsentierte Zeichnungen, die Osen – er teilte sich mit Schiele zeitweilig ein Atelier – 1913 im Garnisonsspital II am Wiener Rennweg anfertigte, wo er selbst wegen „Neurasthenie“ (Nervenschwäche) Patient war. Auftraggeber war der Arzt Stefan Jellinek, der seinerseits zu den Auswirkungen von Stromschlägen auf den menschlichen Körper („Elektropathologie“) forschte und dazu eine Sammlung von Zeichnungen und Präparaten anlegte, die heute im Wiener „Narrenturm“ beheimatet und dem Naturhistorischen Museum (NHM) angegliedert ist.

Osens Zeichnungen stehen damit an einem signifikanten Kreuzungspunkt von Kunst- und Medizingeschichte: Während die Wiener Moderne im Fahrwasser von Freud und der Psychoanalyse ebenso üppig durchleuchtet wurde wie im Gefolge manch esoterischer Strömungen, geriet teilweise in Vergessenheit, dass die Wiener Schule der Medizin mit ihren anatomischen Studien ein ebenso großer Augenöffner war, wenn es darum ging, ins Innere des Menschen zu blicken. Eric Kandels Band „Das Zeitalter der Erkenntnis“ (2012) sei hier empfohlen.

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Osen, den der Schiele-Biograf Arthur Roessler teils bewundernd, teils abwertend als einen „Abenteurer“ und auch Blender darstellte, hatte schon einmal Patienten der Nervenheilanstalt Steinhof porträtiert – im Auftrag des Arzts Adolf Kronfeld, der auch zu Schieles Sammlern zählte und einen Vortrag über den „pathologischen Ausdruck im Porträt“ illustriert wissen wollte.

Leopold Museum Wien/Manfred Thumberger

Die nun präsentierten, späteren Bilder aus dem Garnisonsspital sind rätselhafter: Die Figuren, darunter ein Operettenkomponist mit seltsamer Schädelform und eine als „Lustknabe“ titulierte, im Geschlecht nicht klar identifizierbare Person auf einem knallbunten, bühnengleichen Bett – scheinen in einem Raum zu schweben, in dem klare Zuordnungen aufgelöst scheinen. Dass der Zeichner zugleich Patient war, macht die Sache ebenso diffus wie der Umstand, dass „Neurasthenie“ zu jener Zeit ein Sammelbegriff für alles Mögliche war: Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs mit seinem militaristischen Männlichkeitskult konnte einem vieles als „Schwäche“ ausgelegt werden, gibt Kuratorin Verena Gamper zu bedenken.

Leopold Museum/Manfred Thumberger

Es ist nicht klar, was der Arzt Jellinek, von dessen Nachfahren das Leopold Museum die Blätter erwarb, mit diesen anfangen wollte. Ein recht ausführlicher Blick in die sonstige Sammeltätigkeit des Elektropathologen verdeutlicht in der Schau aber, dass auch die Elektrizität in der Geschichte der Wiener Moderne mitbedacht werden sollte: Als Triebkraft der …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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