Schlechter Lyriker in der Unterwelt: Auf „Trauer“ folgt „Aua!“

Kultur

Im Kabinetttheater wurde vom Ersten Wiener Heimorgelorchester das schräge Mini-Musical „Alois und Eurydike“ uraufgeführt

Das Schicksal von Orpheus und Eurydike wurde sonder Zahl besungen – oder auch neu gedeutet. In Elfriede Jelineks Stück „Schatten (Eurydike sagt)“ verspürt die Frau des Sängers, an einem Schlangenbiss gestorben, gar kein Verlangen, dem Mann aus der Unterwelt zurück ins Leben zu folgen. Die Literaturnobelpreisträgerin befreite also Eurydike aus der passiven Rolle, die ihr einst zugedacht worden war. Natürlich von den Männern.

Gleich ein ganzes Männerquartett, das Erste Wiener Heimorgelorchester, hat sich nun des griechischen Stoffes angenommen. Und es erzählt die Liebesgeschichte unter dem Titel „Alois und Eurydike“ als hinreißend schräges Mini-Musical mit Humor, Augenzwinkern – sowie einem durchaus feministischen Ansatz. Denn Alois ist ein ziemlich schlechter, begriffsstutziger Dichter. Eurydike hat in der Beziehung die Hosen an.

Zur Uraufführung gebracht wurde das einstündige „Singspiel“ am Samstag – gerade noch rechtzeitig vor dem Lockdown – im Kabinetttheater. Da das Liebespaar von Menschen verkörpert wird, gibt es weniger Figurentheater als üblich. Aber das Team von Julia Reichert vermag sich in der Koproduktion dennoch prägend einzubringen. Schon bald nach der großartigen Ouvertüre – Thomas Pfeffer, Florian Wisser, Jürgen Plank und Daniel Wisser musizieren zu Synthie-Rhythmen auf Yamaha- und Casio-Keyboards aus der Elektronik-Steinzeit – gräbt eine Schaufel ein Grab für Eurydike (Tanja Ghetta), der Erdhaufen wird immer höher. Dazu beklagt Alois – Katarina Csanyiova im griechischen Fußballtricot – sein Leid. Die Poesie erreicht mitunter, wenn auf „Trauer“ das Echo „Aua!“ folgt, Dada-Qualitäten.

Walter Kuklas schelmischer Prolo-Liebesgott Armin eröffnet ihm eine Chance. Der Auftrag, als süßlicher deutscher Schlager vorgetragen, lautet: „Schau nicht zurück, vor Dir liegt das Glück!“

  Neue Texte für die "Zauberflöte"

In der Unterwelt trifft Alois auf den Teufel (eine Handpuppe) und Sisyphos (Stabpuppe im Schattenspiel). Und dann baut sich langsam – als instrumentale Zwischenszene – ein paradiesisches Bild auf: mit allerlei beweglichen Pappfigur-Tieren. Nach dem Scheitern (Alois dreht sich natürlich um) sorgt Armin doch noch für so etwas wie ein Happy-End: In der Kirche – das Modell weitet sich zum barocken Altar – muss geheiratet werden. Wann die nächsten Aufführungen stattfinden können, wissen aber nicht einmal die Götter.

…read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.