Schnitzeljagd mit Coldplay: Neue Musik mit Außerirdischen

Kultur

Eine eMail kündigt verrätselt das neue Album an – und die Fans machen sich ans Werk.

Coldplay hat mir eine eMail geschickt. Eines? Gleich vier. Das hat man davon, wenn man sich in eine eMail-Liste einträgt, um möglichst „zeitnah“ über die neuesten Ereignisse aus dem Leben der vier Musiker aus Mittelengland zu erfahren. Das Betreff hat es in sich: 👽 📻 alienradio.fm. Der in die Jahrzehnte gekommene Fan ahnt. Hier bahnt sich Großes an. Nach monatelanger, pandemiebedingter Sendepause, jetzt also „alienradio.fm“. Wurde auch schon Zeit. Die einstigen „Indierocker“ kündigen geheimnisvoll ein neues Werk an. In eingeweihten Fankreisen wird schon seit zwei Jahren über „LP9“ diskutiert. Da gibt es eigene Twitter-Accounts und Fan-Seiten. Ein erwartungsvoller Doppelklick, und schon ist der potentielle Tonträger-Käufer mitten in einer ausgeklügelten Marketing-Rätselralley.

Das Öffnen der Seite schlägt fehl, nach mehrmaligen Anläufen, dann eine lila Seite mit geheimnisvollen Zeichen in Magenta. Jawohl, das ist es. Wieder einmal haben Heerscharen von Art-Designern ein Konzept gebastelt. Zeitgleich in Seoul und in der Londoner U-Bahn und in wichtigen Weltgegenden (nicht in Wien) tauchen die gleichen Botschaften auf. Alienradio.

Rasch dechiffriert

Die Außerirdischen sind von der Fan-Gemeinde rasch dechiffriert. Die offizielle Homepage der Band hat sich über Nacht gewandelt. Alles in neuem Design. Schon im Mai soll die neue Scheibe von „Coldplay“ die Charts stürmen, zumindest in den wichtigen Märkten, also nicht in Österreich. Das Ereignis bewegt hier überraschend wenige, schon gar keine Musikjouranlisten. Die mögen „Coldplay“ nicht. Warum? War immer so. Die Band um Sänger Chris Martin ist irgendwie zu brav, zu glatt, zu professionell, zu ordentlich, zu erfolgreich. Die BBC hingegen mag sie. Und das ist irgendwie wichtiger.

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Auf Facebook allerdings gibt es binnen Stunden Hunderttausende „Likes“ für eine undefinierbare Grafik und die Hoffnung auf Musik nach dem „Lockdown“. Die Seite hat ja auch vierzig Millionen Abonnenten. Und auf Youtube wurde eine Version von „Fix You“ 465 Millionen mal gesehen. „When you try your best, but you don’t succeed“.

Auf Ö3 wird „Coldplay“ selten gespielt, passt nicht ins Formatradio, für FM4 klingen sie zu gut. Fans klicken sich halt im Netz durchs Repertoire. „Yellow“ – eine wirklich Musikikone der Nullerjahre kommt auf 566 Millionen Spielungen.

Tue Gutes

Chris Martin tut immer Gutes, lebt seit seiner (gewissenhaft geschiedenen) Ehe mit der Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow (das hat ihm eine gewisse Bellow-Press Prominenz gebracht) meist in Kalifornien. Das Klima dort schadet einer Indie-Rock-Karriere, etwa so, wie wenn Maler nach Venedig ziehen, um dort Inspiration zu finden. Musik kann in Pubs und Clubs im Norden Londons, in Camden, in Brixton oder in Liverpool, in Manchester oder sonst wo, aber nicht in Beverly Hills entstehen. Dort produzieren Produzenten vegane Tonträger, und planen klimaneutrale Konzerttouren. Für jedes verkaufte T-Shirt wird irgendwo ein Baum gepflanzt.

Das geht sich mit „Indie-Rock“ nicht aus. Es geht um Musik und uns Geschäft, aber das ist ja kaum zu trennen. Wer U-Musik (für E gilt das auch) heute ausschließlich als künstlerischen, gegebenenfalls rebellischen Ausdruck, irgendeiner Jugendkultur deutet, ist Romantiker. So wie ich.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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