sibilla Aleramo: Als Vaters Liebling im Ehekäfig landete

Kultur

Sibilla Aleramos frühes Feminismusmanifest

Autobiografie. Mailand, Ende des 19. Jahrhunderts. Ein begabtes Mädchen – die namenlose Erzählerin – wächst behütet in einem wohlhabenden Haushalt als erklärte Lieblingstochter des Vaters, der ihr viele Jahre lang näher als die Mutter sein wird, auf. Als er Direktor einer Glasfabrik im Süden wird, zieht die Familie um. Was die Mutter darüber denkt, ist Nebensache. Die Entwurzelung aus der mondänen Großstadt und das rückständige, bigotte, verlogene Dorfleben werden ihr nicht guttun, und als ihr Mann sie offen betrügt (unausgesprochen ist das durchaus üblich), wird sie nach einem Selbstmordversuch depressiv und endet im Heim. Die Tochter wird Jahre brauchen, um Verständnis für die Mutter aufzubringen. Vorerst ist sie ein selbstbewusstes Kind, das dem Vater im Büro als Buchhalterin zur Hand geht. Dort wird sie von einem älteren Bürokollegen vergewaltigt, was – in einer Ehe endet.

Zehn Jahre wird sie an der Seite dieses Mannes verbringen, der sie erniedrigt, vergewaltigt, einsperrt. Er ist ihr intellektuell unterlegen, eifersüchtig und neidisch. Warum sie bleibt: Es gibt keinen Ausweg aus einer Ehe im Italien der Jahrhundertwende, nach geltendem Recht gehört die Frau dem Mann. Und sie weiß als junges Mädchen nicht, was sie zu empfinden hat. Sie ist isoliert, weiß nichts über das Frausein. Der gemeinsame Sohn ist das Faustpfand ihres Mannes. Langsam erlebt man als Leser das Erwachen der Erzählerin mit, so etwas wie zaghafte Anfänge von Emanzipation. Sie stellt sich die berühmte Frage, warum Männer, die ihre Mutter verehren, ihre Frauen so schlecht behandeln. Doch es wird Jahre dauern, bis sie dem Ehekäfig entkommt. Irgendwann aber trifft sie eine Entscheidung, die man als Leser fast so unerträglich findet wie alles zuvor Erlittene.

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Skandalroman

Sibilla Aleramo, eigentlich Rina Faccio (1876–1960), veröffentlichte diesen autobiografischen Roman über ihre ersten 25 Lebensjahre 1906. Er galt als Skandalroman, wurde in viele Sprachen übersetzt und – irgendwann vergessen. Man liest dieses Buch, schreibt Elke Heidenreich im lesenswerten Nachwort, wie einen „Hilferuf“. Zu wissen, dass das Leben von Autorin Aleramo glücklich verlaufen ist, macht die emotional oft schwierige Lektüre leichter. BB

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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