Thomas Bernhard in Reichenau: Alle reden, manche aber stumm

Kultur

Hermann Beil gelingt bei den Festspielen eine fulminante Umsetzung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“

Gegen Ende der zweistündigen Aufführung reißt es einen kurz einmal: Die Koloratursopranistin der Julia Stemberger spricht ihren Vater mit „Papa“ an. Das ist nicht Thomas Bernhard. Alles andere aber, naturgemäß auch jede Anweisung, wurde penibel umgesetzt. Und nicht nur das: Regisseur Hermann Beil gelang bei den Festspielen Reichenau im Großen Saal mit einem fulminanten Ensemble eine mustergültige Inszenierung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“.

Das Stück, 1971 entstanden, atmet den Geist einer vergangenen Epoche: Nach ihrem 222. Auftritt als Königin der Nacht in der „Zauberflöte“ diniert die Diva mit ihrem Verehrer, einem Mediziner, und ihrem Vater im Restaurant „Drei Husaren“. Schon zuvor, in der Künstlergarderobe der Staatsoper, war ihre Gereiztheit spürbar gewesen. Nun gibt sich die umjubelte „Koloraturmaschine“ der Erschöpfung hin: Sie bittet den Kellner Winter, die nächsten Engagements per Telegramm abzusagen.

Hermann Beil und Ausstatter Christof Cremer wagen nicht einmal den Ansatz einer Modernisierung. Das durchaus ansprechende Bühnenbild ist genau so, wie von Thomas Bernhard beschrieben: Der Doktor sitzt zu Beginn links vom Schminktisch, der Vater rechts. Sie warten fast unerträglich lang auf die „Königin“. Wenn der Vater aus der Flasche trinken soll, trinkt Martin Schwab aus der Flasche. Wenn er die Blindenbinden abnehmen soll, weil seine Figur gar nicht so blind ist, wie sie vorgibt, nimmt Schwab sie ab.

Großes Vergnügen

Doch der alte Haudegen ist beileibe kein Erfüllungsgehilfe: Er hat zwar nicht viel Text, spricht aber unentwegt mit den Augen und Händen. Ihm beim wortlosen Kommentieren zuzuschauen, bereitet großes Vergnügen. Die Litaneien des Doktors kennt der Vater zur Genüge, nur selten überrascht ihn etwas. 

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Stefan Jürgens im schwarzen Hemd zum Smoking (betont geschmacklos) zelebriert die Sätze von Bernhard nicht (wie etwa Sven-Eric Bechtolf), sondern bewältigt die Monologe mit Bravour im Plauderton. Weil sie nur dazu dienen, die Zeit totzuschlagen. Der „Feuilletonismus“ bekommt sein Fett ab – und das Publikum ob seiner „Reaktionsunfähigkeit“.

Im letzten Moment „erscheint“ die Königin doch: Julia Stemberger – wunderbar exaltiert, auch hysterisch – trägt ein Outfit im Stil der 60er-Jahre. Und wenn sie dann auf der Bühne ihre Arie singt, erklingt über den Lautsprecher in der Garderobe die Stimme von Anneliese Rothenberger. Beil hat kein Detail dem Zufall überlassen. Und er konterkariert die Wortkaskaden mit Silent-Movie-Szenen: Therese Affolter als Garderobiere und Dirk Nocker als Kellner liefern Gustostückerln ab. Bei so viel Licht braucht es keine Finsternis zum Schluss.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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