Wiener Festwochen 2026: Götter-Werk und Milo Raus Beitrag

Kultur

Bei Milo Rau wird es nie ohne Bubenschmäh gehen. „Das beste Stück aller Zeiten“ nennt er, höhö, seine Collage zum 75-Jahr-Jubiläum der Wiener Festwochen. Aus dieser Collage erklang zum Abschluss der Programmpräsentation am Badeschiff ein Liedchen, in dem es, höhö, darum geht, wer in der Geschichte der Festwochen am meisten da war, „ja, wer am meisten da sein will, der muss am meisten da sein wollen“.

Man hat schon mehr gelacht. Und der Schmäh sitzt schief. Denn eigentlich hat Rau in tieftraurigen Umständen ein Programm zusammengestellt, das an die Schmerzpunkte der Gegenwart geht. Da muss man schon genau wissen, was man tut.

Eine Kleinigkeit

Sie war, erzählt die ukrainische Musikerin Marichka Shtyrbulova, überglücklich, für die Präsentation aus Kiew nach Wien kommen zu können. Denn hier könne sie eine heiße Dusche nehmen. Auch wenn sie selbst das gleich wieder einschränkt – „es ist nicht wichtig, eine kleine Sache nur, wir befinden uns in einem grausamen Krieg“ –: Dass jemand, der im Juni in Wien zum dreiviertelrunden Geburtstag der Festwochen eine Oper aufführen wird („Songs Of Winter War“, 1. bis 3. Juni), bis dahin im russischen Kriegsterror unter hierzulande unvorstellbaren Umständen um sein Leben bangen muss, hätte man sich vor wenigen Jahren noch nicht ausmalen können.

Dieses Festival wurde auf Trümmern gegründet, sagt Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, und es begeht jetzt in einer Kriegszeit vor dem Hintergrund von unendlichem Leid sein Jubiläum.

Das Programm spiegelt das auch wider, zumindest teils. Das Prisma, durch das die derzeitige Konflikthaftigkeit der Welt künstlerisch zerlegt wird, ist dabei die Religion, man ruft vor arabischen und hebräischen Schriftzeichen die „Republik der Götter“ aus. Produktionen erkunden etwa, warum auch die musikfeindliche islamistische Terrorgruppe Hisbollah bei Begräbnissen Chopin spielen lässt („Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2“, Volkstheater in den Bezirken), oder, an einem vierteiligen Abend, die Folgen des islamistischen Terroranschlags auf das World Trade Center 2001 („9/11 Frames per Second“).

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Nach den fahrlässigen „Prozessen“ und den letztjährig etwas entschärften „Kongressen“ folgt nun als Debattenformat „Das Glaubenstribunal“, in dem an drei Tagen unter anderem der kolonialistische Kunstraub und die Theokratie Iran im Fokus stehen sollen, Details folgen erst.

Die größte Musiktheaterproduktion dreht sich auch um Glauben: Es ist die bereits in Gent gezeigte Auseinandersetzung mit Wagners „Parsifal“ von Regisseurin Susanne Kennedy. Sie sprach von der Tiefe, mit der diese Oper in „existenzielle Fragen hineingeht“ – und davon, dass Christoph Schlingensiefs Bayreuth-Inszenierung des Bühnenweihfestspiels sie zur Auseinandersetzung mit dem „Parsifal“ gebracht hatte. Dessen Textzeile „Durch Mitleid wissend / der reine Tor“ sei „unglaublich radikal“, eine Einschätzung, die auch Rau teilt: „Mit all den Massakern in der Welt fühlen wir uns ein bisschen wie Parsifal“, sagte er in Hinblick auf das Mitleid.

Suche nach dem Skandal

Natürlich darf trotz der Umstände Raus Marketingerfolgsrezept nicht fehlen: die Skandalträchtigkeit. Die größten Skandale aus der Geschichte der Festwochen soll eine Plakatausstellung dokumentieren. Und für heuer vorsorglich eingeplant in die Produktionen sind alle Triggerpunkte der Rechtspopulisten, die sich schnell finden lassen: queere Dschihadisten, die letzte Generation, Nacktheit, ein Nitsch-Spiel von Florentina Holzinger, Polizeigewalt, Selbstmord, ein Orchester, dessen Musikerinnen und Musiker ausschließlich ethnischen Minderheiten angehören, …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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