Wiener Philharmoniker überlegen „gesamtes Publikum testen zu lassen“

Kultur

Vorstand Daniel Froschauer und Geschäftsführer Michael Bladerer über das Musizieren in Zeiten der Pandemie, über Verluste – und Visionen fürs Neujahrskonzert.

Am Freitag findet das wegen Corona um drei Monte verschobene Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker hinter dem Schloss Schönbrunn statt. Entgegen der Hoffnungen praktisch ohne Publikum – als TV-Event (20.15, ORF2). Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer gesteht im KURIER-Interview ein, im Frühsommer etwas naiv gewesen zu sein: Er dachte, dass im Herbst ganz normal gespielt werden könne. Auch in der Staatsoper und im Musikverein. Zusammen mit Geschäftsführer Michael Bladerer erklärt er die Lage.

KURIER: Die Philharmoniker sind in einer schizophrenen Situation: Im Musikverein machen sie bei Konzerten keine Pause, als Staatsopernorchester hingegen schon. Was ist nun sinnvoller?

Daniel Froschauer: Daran sieht man, dass die verschiedenen Häuser verschiedene Präventionskonzepte haben.

Michael Bladerer: Auch bei den Salzburger Festspielen wurde ohne Pause gespielt.

Froschauer: Die Staatsoper will ja eine Bandbreite an Repertoire anbieten. Die Opern, die man ohne Pause spielen kann, kann man an einer Hand abzählen. Den fünfaktigen „Don Carlos“ ohne Pause – das wäre undenkbar.

Kurier/Juerg Christandl

Aber zum Beispiel „Falstaff“ und „Das Rheingold“?

Froschauer: Ja, schon. Aber ganz ehrlich: Ein Operndirektor plant drei Jahre im Voraus. Er müsste den gesamten Spielplan auf den Kopf stellen. Das wäre eigentlich gar nicht möglich.

Die Philharmoniker haben doch viele Opern abrufbar.

Froschauer: Selbstverständlich, das ist unsere Aufgabe, das wäre nicht das Problem. Aber die Sänger sind für bestimmte Opern verpflichtet.

Und wenn man notfalls einen Akt auslässt, um mit zweieinhalb Stunden ohne Pause durchzukommen?

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Bladerer: Puh! Also künstlerisch … Das trauen wir uns nicht vorzuschlagen. Wir lassen ja auch bei einem Konzert nicht einen Satz aus, um zum Beispiel eine Brahms-Sinfonie kürzer zu machen.

Kurier/Juerg Christandl

Auch die Philharmoniker spielen mitunter nur einen Satz aus einer Sinfonie.

Froschauer: Vielleicht bei einem Sommernachtskonzert in Schönbrunn. Aber das kann nicht der Normalfall sein.

Haben wir den Normalfall? Erst jüngst gab es im Rahmen einer Operetten-Vorstellung der MUK, der Wiener Musikuniversität, einen Corona-Cluster …

Bladerer: Aber er hat nichts mit uns zu tun. Das war in einem Kellertheater – und die Mitwirkenden dürften nicht getestet gewesen sein. Allein in den vier Wochen bei den Salzburger Festspielen hatten wir 750 Testungen. Wir versuchen, alle Risiken auszuschließen.

Bei der „Elektra“ in der Felsenreitschule saßen die Musiker so eng zusammen wie immer.

Bladerer: Die Oper verlangt 108 Musiker, da hat man keine Alternative. Daher haben wir uns auch immer testen lassen.

Froschauer: Wir sind der Qualität verpflichtet – auch in Corona-Zeiten. Wir lassen uns testen, wir tragen Masken, halten Abstand, aber auf der Bühne oder im Orchestergraben spielen wir wie gewohnt.

Bladerer: Generell regiert die Vorsicht. Auch die Besucher der Staatsoper sind vorsichtig. Sie bringen die Gesundheit mit und wollen sie auch wieder mit nach Hause nehmen.

Oder sie verzichten. Früher musste man jahrelang auf ein Philharmoniker-Abo warten – jetzt kann man Karten für die Konzerte kaufen, die als Ersatz für das abgesagte Abo angeboten werden.

Froschauer: Die Abonnenten sind seit Anfang an wie Familie für uns. Sie haben das Geld zurückerhalten und nun ein Vorkaufsrecht.

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Bladerer: Daher kamen noch gar keine Karten in den freien Verkauf!

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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