Zum 100er von Stanislaw Lem: Science Fiction und Zwetschkenkompott

Kultur

Vor 100 Jahren wurde einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren überhaupt geboren. Radek Knapp schreibt über seine Begegnungen mit dem großen Stanislaw Lem (1921 bis 2006).

Von Radek Knapp

„Hände weg vom Schreiben. Daran stirbt man des Hungers“, sind die ersten Worte, die Maestro Lem an mich richtet. „Wenn ich schon sterbe, dann suche ich mir selber aus, woran“: Diese Antwort besänftigt den Maestro soweit, dass er hinzufügt: „Dann bleib’ zum Mittagessen.“

So lernt man große Literaten kennen, wohlwissend, dass man sie nie ganz kennenlernt.

Privat

Spulen wir zurück: Es ist 1985. Stanislaw Lem kommt in Wien an, um dort die nächsten paar Jahre zu bleiben. Er ist der größte lebende Science-Fiction-Autor der Welt. Über 50 Millionen verkaufter Exemplare.

Legende

Legendenbildung findet statt: Den großen Andrej Tarkowskij, der Lems „Solaris“ verfilmte, bezeichnet Maestro als „Durak“ (Trottel). In Berlin fragt Lem einen Polizisten nach der Straße, worauf der deutsche Ordnungshüter den kürzesten Weg gegen die Einbahn zeigt: „Sie, Herr Lem dürfen gegen die Einbahn fahren.“

Philip K. Dick beschuldigt Lem, dieser wäre kein Mensch, sondern eine kommunistische Verschwörungszelle, die Science-Fiction-Literatur produziert, damit Philip K. Dick am Hungertuch nagt.

Und Wahrheit

Aber nicht alles ist Legende, viel davon Wahrheit. Zum Beispiel der Anruf von Richard Gere aus Hollywood in der Hietzinger Villa. Der Hollywoodstar will die Rechte für „Solaris“ kaufen, aber nicht das ist das Problem. Lem will wissen, wer Richard Gere ist. Produzent oder Regisseur? Schauspieler, lautete die schüchterne Antwort im Hörer. Maestro legt auf.

Die Rechte sichert sich Steven Soderbergh. George Clooney spielt die Hauptrolle. Nach 15 Minuten seines eigenen Filmes steht Maestro auf und sagt: „Wo ist mein Zwetschkenkompott? Es schlägt diesen Film um Längen“. Lem sieht nie mehr als diese 15 Minuten.

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Auch sonst ist er nicht sonderlich an Hollywood interessiert. Weist man ihn darauf hin, dass der Kultfilm „Matrix“ sich ordentlich bei seinem „Futurologischen Kongress“ bedient hat, will er lieber wissen, wo er seine Schokolade liegen ließ.

Genau vor 100 Jahren kommt Lem, nomen est omen, in einer Stadt namens Lemberg zur Welt. Die skurrile Namensgleichheit, die nur im Deutschen möglich ist, könnte aus Maestros Feder stammen. Lwow heißt die Stadt damals und gehört zu Polen. Das wird der Zweite Weltkrieg für immer ändern.

Das intelligenteste Kind Galiziens (eruierter IQ 180) flüchtet nach Krakau. „Die beiden Herrschaften namens Hitler und Stalin, sorgten dafür, dass ich dort meine Frau kennenlernte.“ Sie ist Ärztin, Lem hat als angehender Gynäkologe eine einzige Entbindung auf dem Konto. „Von da wusste ich, dass ich alles sein will nur kein Arzt.“

Nach dem Krieg fragt ein Journalist scherzhalber den jungen Mediziner: „Polen hat keine Science-Fiction-Literatur. Möchten Sie es ändern?“

Lem, der gelegentlich im Schlaf von der Quantentheorie in Form des Zuckergebäcks träumt, findet das lustig und schreibt drauf los.

Schachzug für Suhrkamp

Sein Erstling „Die Astronauten“ erscheint auf Deutsch unter dem „dümmlichen“ Titel „Planet des Todes“. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld holt widerwillig den unbekannten Autor in sein Luxusboot mit dem Aufschrei: „Sie werden mich ruinieren!“

Fünf Millionen verkaufte Exemplare später spricht Unseld von einem ganz ordentlichen „Schachzug“.

Lems Meisterwerke „Robotermärchen“ und „Sternetagebücher“ entstehen, die Übertragung ins Deutsche ist …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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