Die vielen Gründe für die schlechte Impfquote

Politik

Die Impfskepsis ist mit aber nicht allein verantwortlich für die beklagenswerte Lage.

Die „beschämende Impfquote“ (@ Kanzler Schallenberg) ist wohl ein wesentlicher Faktor, warum die vierte Welle Österreich nun massiv heimsucht. Woher kommt die Impf-Skepsis? Und welche anderen Faktoren kamen zudem zum Tragen?

1. Impfskepsis hat Tradition

Die Geschichte der Impfskepsis ist eine lange, in Österreich reicht sie hunderte Jahre zurück: Schon zu Zeiten des Andreas Hofer galt Widerstand gegen die Pockenimpfung als patriotischer Akt – die Impfung wurde von den Besatzern propagiert und stand im Verdacht, man würde damit den Protestantismus einimpfen. Auch die „Lebensreformbewegung“, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur Industrialisierung einen „Naturzustand“ des Menschen anstrebte, war in Deutschland, Österreich und der Schweiz besonders stark.

2. Es mobilisiert ausgerechnet eine Ex-Regierungspartei

In vielen Ländern machen sich Parteien gegen Corona-Maßnahmen stark. In Österreich ist mit der FPÖ aber eine ehemalige Regierungspartei und die drittstärkste Kraft im Parlament das Sprachrohr der Covid-Verharmloser. Die FPÖ verfügt über finanzielle Mittel und viel Know-how, sie weiß, wie Kampagnen in Sozialen Netzwerken funktionieren. Dass man Schutzmaßnahmen als „Diktatur“ bezeichnet und lebensgefährlichen Unsinn verbreitet (Entwurmungsmittel helfen gegen Corona), tut dem Zuspruch keinen Abbruch: Die FPÖ hält bei der Sonntagsfrage stabil bei 20 Prozent.

3. Falsche Kommunikation

Die Bundesregierung hat weitgehend ignoriert, dass in einer Pandemie oft andere Regeln gelten als in der klassischen Politikkommunikation. „Bei Gesundheitsthemen vertrauen Menschen Ärzten und Fachpersonal um ein Vielfaches mehr als Politikern“, sagte die auf Gesundheitskommunikation spezialisierte Trainerin Britta Blumencron im März. Türkis und Grün haben diesbezüglich kaum etwas geändert, mehr noch: Bei öffentlichen Auftritten haben sie einander zuletzt widersprochen und sogar gegenseitig kritisiert.

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4. Die Wissenschaft wurde nicht ernst genommen

Bei der Frage, wie ernst man die Warnungen beratender Wissenschafter nimmt, war man sich zu oft zu uneinig (siehe rechts). So kam es, dass die Kanzlerpartei im Sommer Plakate mit „Die Pandemie gemeistert“ affichierte, während die Grünen Verschärfungen forderten. Personalkrisen in den Schlüsselressorts – im April kam den Grünen der Gesundheitsminister abhanden, im Oktober der ÖVP der Kanzler – haben die Frontstellungen verschärft.

5. Der Föderalismus war oft hinderlich statt hilfreich

Das Virus schert sich nicht um Landesgrenzen: Diese Binsenweisheit wurde durch die oft kleinteilige Krisen-Politik ad absurdum geführt. Bis heute entscheidet die Postleitzahl, ob man schnell und unbürokratisch einen Gratis-PCR-Test bekommt oder nicht. Dass in den Ländern neun verschiedene Impf- und Testsysteme aufgezogen worden sind, hat mehr verwirrt denn genutzt.

6. Österreich ist zu gut durch die erste Welle gekommen

Es klingt zynisch, aber: Schreckliche Bilder wie aus New York oder Bergamo (überfüllte Leichenschauhäuser, eilends ausgehobenen Massengräber etc.) blieben Österreich erspart – auch das hat einen Effekt. Wer in impf-freudigen Ländern wie Spanien nach Ursachen fragt, bekommt oft Antworten wie die Polio-Epidemie. Sie hat in den 1950ern ganze Landstriche verwüstet und wurde erst mit einer Schutzimpfung beendet – das blieb im kollektiven Gedächtnis. Auch heimische Experten erklären die ablehnende Haltung ähnlich. „Impfungen sind Opfer ihres eigenen Erfolges“, sagt Spezialist Herwig Kollaritsch. Dadurch, dass Krankheiten wie Diphtherie („Würgeengel der Kinder“) verschwunden sind, haben sie den Schrecken verloren. Impfungen und Schutzmaßnahmen werden als überflüssig erachtet.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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