Flüchtlinge in der Gaza-Kriegsfalle

Politik

Mit dem Angriff Israels auf die Grenzstadt Rafah verschärft sich die Situation für mehr als eine Million Vertriebene zusätzlich – Ägypten droht daher Israel mit der Aufkündigung des Friedensvertrages von 1979.

Jetzt kommt es für die Menschen, die sich in der südlichen Gazastadt Rafah ohnehin nur mit dem Notdürftigsten in Sicherheit gebracht haben, noch schlimmer: Israel hat seine Ankündigung wahr gemacht und greift seit dem Wochenende trotz internationaler Warnungen vor allem aus der Luft an. Laut nicht zu überprüfenden Angaben der örtlichen Hamas-Behörden starben bis Montag bis zu 160 Palästinenser – darunter auch Kämpfer der Terrororganisation bei der Befreiung von zwei Geiseln.

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Bis zu 1,5 Millionen Menschen, schreiben israelische Medien, befinden sich hier an der Grenze zu Ägypten: Zu den 300.000 ursprünglichen Einwohnern der Stadt kommen bis zu 1,2 Mio. Binnenvertriebene, die jetzt angeblich über „sichere Korridore“, so formulierte es Israels Premier Benjamin Netanjahu vage, neuerlich flüchten sollen.

Laut der israelischen Zeitung Haaretz gibt es in der Region bloß einen kleinen Küstenabschnitt am Mittelmeer, nördlich von Rafah, der für eine Evakuierung infrage komme. Dort gebe es allerdings genau nichts, nicht einmal Fließwasser, und die Zone ist bloß 16 km2 groß, pro km2 müsste man mindestens 63.000 Menschen „stapeln“ – und das buchstäblich, wie die Haaretz schreibt: Womöglich könnte es nötig sein, Schlaf-Schichten zu etablieren, weil nicht alle zugleich liegen können. Ein weiteres Problem: Hilfsmannschaften könnten die benötigten humanitären Güter nur durch die Kampfzone oder ganz nahe dran zu den Menschen bringen.

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„Kollektive Bestrafung“

Jetzt schon nennen Insider die Lage im Süden des Gazastreifens katastrophal und schrecklich. „Mit fallen eigentlich keine Worte mehr ein, wie man die Situation zurzeit beschreiben kann“, zeigte sich der österreichische UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk im Ö1-Interview bestürzt. 27.000 Menschen seien bereits getötet worden, davon 70 Prozent Frauen und Kinder, dazu kämen 60.000 bis 70.000 Verletzte, betonte der Österreicher, der die „kollektive Bestrafung der Palästinenser“ als „Verletzung des humanitären Völkerrechts“ wertet.

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In Ägypten wächst jedenfalls die Furcht, dass mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Gazastreifen ins Land strömen könnten – zumal rechtsradikale Politiker in Israel die „Säuberung“ des gesamten Küstengebietes fordern. Kairo hat daher seine militärische Präsenz an der Grenze massiv erhöht. Präsident Abdel Fatah al-Sisi kann keine zwei Millionen bettelarmen Palästinenser „brauchen“, die großteils traumatisiert und teils wohl auch radikalisiert die Stabilität des Koloss’ am Nil bedrohen würden. Bereits jetzt hat Kairo ein Problem mit Islamisten auf der Sinai-Halbinsel.

Politisch erhöht der Staatschef daher den Druck auf Israel, von einer Großoffensive auf Rafah abzusehen. Sollte es doch dazu kommen, es wäre das Ende des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages von 1979. Der unter US-Präsident Jimmy Carter zustande gekommene Pakt zwischen Premier Menachem Begin und Anwar as-Sadat war der erste zwischen Israel und einem arabischen Staat.

Kriegsende zu Ramadan?

Doch Netanjahu scheint entschlossen, Rafah im Sturm zu nehmen. Militärexperten gehen von schweren Bodenkämpfen aus, die Wochen dauern dürften. Spekuliert wird, dass diese Phase des Krieges aber spätestens mit Beginn des Ramadan (10. März) enden dürfte – denn eine Weiterführung während des muslimischen Fastenmonats könnte einen Flächenbrand …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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