„Fundamentalisten besitzen keinen Witz“

Politik

Das Leben des Rebbe Paul Chaim Eisenberg. 33 Jahre war Eisenberg der Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde. Seine Witze und Auftritte als Sänger machten ihn zur Legende. Nun hat er seine Lebenserinnerungen geschrieben

Es ist ein anderer Paul Chaim Eisenberg, der einem die Tür zu seiner Wohnung in der Wiener Innenstadt öffnet. Nicht der Ex-Oberrabbiner mit dem Hang zum ironischen Genre. Ruhiger und ernsthafter sei er geworden. Die Wände sind vollgepflastert mit Familienfotos. Sechs Kinder und 30 Enkelkinder umfasst seine engste Familie, die überall in der Welt verteilt – Israel, Manchester, USA – lebt. In Wien ist nur der ehemalige Oberrabbiner geblieben. Im Lockdown hat Eisenberg nun seine Memoiren „Lachen, Weinen, Hoffnung schenken“ (erschienen im Brandstätter-Verlag, 24 Euro) geschrieben. Im Interview spricht er über den richtigen Einsatz von Witzen und wovon ein Rebbe träumt:

KURIER: Herr Eisenberg, wenn man von einem Verlag das Angebot bekommt, seine Memoiren zu schreiben, wie lange überlegt man, ob das Leben interessant genug für eine breite Öffentlichkeit ist?

Paul Eisenberg: Alle guten Dinge sind drei. Es ist mein drittes Buch. Am Titel erkennt man eigentlich nicht, dass es meine Memoiren sind. Es ist eigentlich die interessante Geschichte meiner gesamten Familie – von meinen Großeltern über die Eltern, die der Schoa entkamen, bis zu meinen Kindern und den 30 Enkelkindern.

Sie stammen aus einer Rabbinerdynastie. Ihr Großvater, ihr Vater, Sie und auch ein Sohn sowie ein Schwiegersohn sind Rabbiner. Ihr Markenzeichen ist der Humor. War Ihnen das als Oberrabbiner immer recht, dass Sie als „lustig“ bezeichnet wurden?

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Ich mag mittlerweile nicht nur auf das Erzählen von Witzen reduziert werden. Ich habe mich auch geändert, bin ernsthafter geworden. Man muss nicht jeden Sager, den man auf den Lippen hat, raus lassen. So erzähle ich einige Witze nicht mehr, die ich früher erzählt habe, weil sie nicht der „Political Correctness“ entsprechen. Wichtiger als die Witze sind die Weisheiten. Weil ich auch Weisheiten witzig erzähle, kann man das oft schwer unterscheiden. Ich war früher mehr lustig und weniger weise, heute bin ich mehr weise, aber besitze immer noch Humor.

Warum verzichten Sie jetzt vermehrt auf Witze?

Weil der Witz das Schlagobers auf dem ernsthaften Fundament sein sollte.

Welche Wirkung hat das Schlagobers?

Der Fundamentalist beispielsweise hat keinen Humor. Er nimmt alles zu ernst, glaubt alles besser zu wissen – sogar mehr zu wissen als der Rabbiner. Wenn man jemandem etwas Ernstes sagen will und fürchtet, dass dieser vielleicht beleidigt sein könnte, dann garniert man es am besten am Ende mit einem Sahnehäubchen, das ironisch ist.

Sie bezeichnen sich selbst als Träumer. Was ist der größte Traum des Rebbe?

Man hat mich oft als Träumer bezeichnet, weil ich vom Frieden zwischen Israel und Palästina träume. Zugegeben, derzeit scheint dieser Traum in weite Ferne gerückt zu sein. Man darf die Hoffnung nicht verlieren – das ist auch der Grundtenor meines Buches. Als Ministerpräsident Jitzhak Rabin von einem „religiösen“ Juden ermordet wurde, habe ich beim Trauergottesdienst ein Rabbiner-Wort aus den „Sprüchen der Väter“ zitiert: „Wer ist ein Held? Der imstande ist, aus Feinden Freunde zu machen.“ Derselbe Mann, der als General und Verteidigungsminister …read more

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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