Osteuropa verliert seine Fachkräfte – auch an Österreich

Politik

Verheerende Zustände in den Krankenhäusern. Rumänien könnte sogar ein Fünftel der Bevölkerung verlieren.

Der Koffer ist gepackt; die betagte Mutter instruiert, was die Enkelkinder bis wann für die Schule erledigen müssen; das Essen für die kommenden Wochen ist vorgekocht. Alles muss bestens vorbereitet sein: Denn drei bis vier Wochen werden sie weg von daheim sein, jene rumänischen Frauen, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegerinnen alte Menschen betreuen.

Aus keinem anderen europäischen Land kommen derzeit mehr Pflegekräfte zu uns als aus Rumänien: 27.000 Frauen waren es im Vorjahr, mehr als ein Drittel aller in Österreichs beschäftigten 24-Stunden-Pflegerinnen. Tendenz stark steigend.

Den Verdienst – oft zehn Mal mehr als daheim –, den die Frauen mit nach Hause bringen, tröstet über viele Nachteile hinweg: die Trennung von den Kindern, das Zurücklassen der Alten, das Risiko, ganz zu gehen. „Ihre Idee ist es nicht, auszuwandern. Sie wollen in Österreich arbeiten, aber daheim leben“, schildert Madalina Rogoz.

Die Expertin am International Centre for Migration Policy Development untersuchte die Auswirkungen der pendelnden Pflegerinnen und eruierte dabei „viele positive Effekte: Die Familien haben mehr Geld, und vor Ort sinkt die Zahl der Arbeitslosen.“ Ein Nachteil: Die Pflegekräfte, die man auch in Rumänien brauchen würde, sind am Verschwinden.

Die Ärzte sind weg

Das gilt auch, mit noch viel verheerenderen Wirkungen für das gesamte medizinische Personal Rumäniens: Anders als die 24-Stunden-Pflegerinnen haben allein in den den vergangenen zehn Jahren mehr als 43.000 rumänische Ärzte endgültig ihre Koffer gepackt.

Ebenso gingen Krankenschwestern, Pfleger, aber auch Bauarbeiter, Ingenieure, Dachdecker und Mechaniker, Lehrer und alle anderen, die in Rumänien weder Jobmöglichkeiten noch Perspektiven sahen. Rund 3,5 Millionen Menschen waren es in den zwölf Jahren seit dem Beitritt Rumäniens zur EU.

Ein Aderlass, der bei vielen Rumänen die bisher so euphorische EU-Stimmung gehörig ins Kippen brachte. „Früher überwog die Begeisterung, in der EU zu sein“, sagt Madalina Rogoz, „aber jetzt hört man immer öfter: ‚Europa hat es bewirkt, dass meine Kinder im Ausland leben und nicht bei uns‘.“

Die Freiheit, zu gehen

Die Freiheit der europäischen Bürger, innerhalb der EU arbeiten und leben zu dürfen, wo sie wollen, hat zu enormen Wanderungsbewegungen geführt. Hält der Trend an, wird Rumänien bis 2050 mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren. Stark gesunken ist die Einwohnerzahl im Vorjahr laut Eurostat auch in Bulgarien (–7,1%), Kroatien (–7,1%), Lettland (–7,5%) und Litauen (–5,3%). Die Angst vor der Auswanderung, sie rangiert in diesen Staaten laut Umfragen schon längst vor der Sorge ungeregelter Zuwanderung.

Die Möglichkeit im wirtschaftsstärkeren Deutschland, Frankreich oder auch Österreich einen Job zu finden, sieht der Bevölkerungsexperte Rainer Münz als „einen Segen für Länder wie Rumänien oder Bulgarien. Dadurch gelang es in diesen Ländern, die Arbeitslosigkeit relativ schnell zu senken.

Zudem schicken diese Menschen enorme Summen nach Hause“, sagt Rainer Münz, Mitglied des European Political Strategy Center und damit einer der führenden Berater von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dem KURIER.

Bulgaren etwa sorgen mit den Rücküberweisungen an daheim für immerhin vier Prozent des bulgarischen Bruttoinlandsproduktes, bei Rumänen beträgt diese Quote 3,5 Prozent. „Zusammen mit den Strukturfondsmitteln der EU verbessert dies die ökonomische Situation in diesen Ländern …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.