
Es ist Samstagnacht und Khamenei ist tot. Ich sitze auf meiner Couch und weiß nicht, wohin mit meinen Händen. Das ist das Problem mit historischen Momenten: Sie passieren, und man hat nichts in den Händen. Ich kann auch nicht schlafen. Ich will nicht schlafen, weil ich Angst habe, aufzuwachen und es wird nicht mehr wahr sein. Das ist das Ungeheuerliche: Bei schlechten Nachrichten hofft man, dass man aufwacht und sie weg sind. Bei guten Nachrichten fürchtet man es.
Ich gehe in die Küche und koche Reis. Mitten in der Nacht. Immer, wenn ich nicht weiter weiß, mache ich Reis. Wenn ich weiter weiß, auch. Erst wasche ich den Reis. Wasser rein. Wasser raus. Bis der Reis klar wird. Khamenei ist tot. Wasser rein. Ich erreiche meine Familie in Teheran wieder nicht. Wasser raus. Heute wird er nicht klar. Heute Nacht wird nichts klar.
Ich denke an die Demo, auf der ich vor genau drei Wochen war. In einer Stadt, die München hieß und Teheran war. Für einen ganzen Tag. Zweihundertfünfzigtausend Menschen liefen bei Regen in eine Richtung, und diese Richtung hieß: Zukunft, auch wenn sie geografisch zur Theresienwiese führte. Nicht leise, nicht dankbar, nicht in jener geduckten Haltung, die Europa so gerne sieht bei seinen Zugereisten, sondern aufrecht und laut und in einer Anzahl, bei der die Theresienwiese aufhörte, ein Platz zu sein, und anfing, eine Aussage zu werden.
„Beeilt euch!“
Neben mir stand eine Frau, Lippenstift rot wie ein Alarmsignal, das niemand ernst genommen hatte und einer Sonnenbrille so groß, dass die gesamte Diaspora dahinter Platz gehabt hätte. Sie hielt ein Schild hoch. Darauf stand: „Ich bin 1979 gegangen. Ich will 2026 zurückkommen. Beeilt euch.“ Ein „Beeilt euch“ zwischen Resignation und Übermut. Genau da, wo man noch stehen kann, ohne umzufallen. Ich lächelte sie an und sie lachte.
Und in ihrem Lachen lag eine Treue, die weh tat und eine Sehnsucht, die sich vererbt wie Augenfarbe und die Fähigkeit, Reis so zu kochen, dass jedes Korn einzeln steht wie ein Individuum in einer funktionierenden Demokratie. Einem Lachen, das ihren Enkelkindern Farsi beigebracht hat, schlecht, lückenhaft, aber genug, damit sie „Azadi“ rufen können, und sie haben es gerufen, in München, im Regen, mit dem falschen Akzent, und es war das Schönste, was ich je gehört habe.
Ich denke an den Klappstuhl-Mann. Den alten Herrn, Anzug, Krawatte, Stecktuch, Tee. Der sich mitten in den Strom der 250.000 Menschen gesetzt hat, als hätte er einen Tisch reserviert im Restaurant namens „Revolution“. Ist er jetzt auch wach? Hat er seine Teetasse abgestellt? Hat er sein Stecktuch benutzt, zum ersten Mal nicht als Dekoration, sondern als das, wofür es gemacht ist: um Tränen aufzufangen, die zu groß sind für Hände?
Was mich aber am meisten berührte, war dieser eine Gedanke, der durch die Menge wehte wie der Geruch von Ghormeh Sabzi durch das Treppenhaus eines Wiener Altbaus: Was, wenn das hier echt wird? Ein Trailer. Ein Appetithäppchen für ein Iran, das es noch nicht gibt.
Und jetzt, drei Wochen später, frage ich mich, ob die Zukunft zugehört hat. Ob sie in der …read more
Source:: Kurier.at – Politik



