Tel Aviv – Berlin: Die Wut in Friedrichshain und Raketen in Israel

Politik

Anja Reich ist die Israel-Korrespondentin der Berliner Zeitung. Sie schreibt hier im Wechsel über ihre Erfahrungen und Eindrücke mit ihrer ehemaligen Nachbarin in Berlin, Yael Nachshon. Nachshon ist in Tel Aviv geboren – dort, wo Anja Reich jetzt lebt.

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Tel Aviv, 18.05.2019

Liebe Yael,

vor vier Jahren habe ich in einem Kibbuz an der Grenze zu Gaza einen Dokumentarfilm über einen Raketenangriff gesehen. Den Film hatte eine Mutter aus dem Kibbuz während des letzten Gaza-Krieges gedreht. Man hört die Sirenen heulen, sieht, wie alle in die Luftschutzbunker rennen und sie, die Mutter, versucht, ihre Tochter zu erreichen, die gerade mit dem Bus auf einem Schulausflug ist. Dann erhält sie die Nachricht, dass ein Bus von einer Rakete getroffen wurde. Sie fährt los, sucht ihre Tochter, immer die Kamera dabei.

Ich war damals mit einer deutschen Delegation zu Besuch in dem Kibbuz, ich fand den Film schrecklich, schrecklich verstörend, aber auch schrecklich präsentiert. Die Tochter, vielleicht acht, neun Jahre alt, saß bei der Vorführung neben ihren Eltern und musste alles noch einmal erleben. Ich fragte mich, wie sie so etwas zulassen können, was das mit dem ohnehin traumatisierten Kind macht, warum die Frau das Leid ihrer Familie so zur Schau stellt.

Dann – vor anderthalb Wochen – stand ich selbst in einem Luftschutzbunker. Der Bunker war die Speisekammer eines Hauses in Aschkelon, in dem vor wenigen Stunden ein Mann bei einem Raketenangriff ums Leben gekommen war. Ich war hier, um eine Reportage zu recherchieren, die Sirenen platzten mitten in ein Interview. Es gab Explosionen, die Erde bebte.

Kaum war der eine Angriff vorbei, ging es wieder los – wieder Sirenen, wieder Raketen. Ich rannte zurück in die Speisekammer, ich rannte um mein Leben, und irgendwann in diesen Minuten dachte ich an die Familie im Kibbuz. Erst hier, erst jetzt, verstand ich ihren Wunsch, der Welt zu zeigen, wie es ist, wenn nichts mehr sicher ist.

Keine Angst, ich bin jetzt nicht Anhängerin der Rechten geworden. Dafür sorgen schon die Tel Aviver. Als Itay, unser Nachbar, von meinen Erlebnissen in Aschkelon erfuhr, lud er Alex und mich sofort auf einen Drink ein. Die erste Hälfte des Abends sprachen wir über Ängste und Therapien, die zweite über Netanjahus Versuche, Palästinenser aus dem Westjordanland nicht zur gemeinsamen Gedenkfeier zum Tag der gefallenen Soldaten über die Grenze zu lassen. Und Einat, eine Freundin, sagte nur: Ach, ihr Europäer, seid immer gleich so aufgeregt, wenn mal ein paar Raketen fliegen.

So ähnlich hätte es auch deine Mutter sagen können. Oder Aharons Mutter. Oder andere, die Angehörige im Krieg verloren haben, ständig damit rechnen müssen, dass es wieder losgeht und trotzdem nicht rechts wählen, kein härteres Durchgreifen fordern, sondern sich vehement für die Demokratie in ihrem Land und die Rechte der Palästinenser einsetzen. Es sind nicht viele, aber sie sind da, sie kämpfen, gerade hier, in Tel Aviv, und noch nie habe ich sie so dafür bewundert wie jetzt.

Vor fast genau einem Jahr waren wir mit deiner und Aharons Mutter auf dem Habima-Platz bei der Anti-Netanjahu-Demo. Wir beide waren die Jüngsten, die anderen Demonstranten …read more

Source:: Berliner Zeitung – Politik

      

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