“Viele Männer können den gesellschaftlichen Fortschritt der Frauen nicht ertragen”

Politik

Der Yale-Professor Jeffrey Alexander beschäftigt sich seit Jahren mit Rechtspopulismus. Im KURIER-Interview erklärt er, warum der Feminismus Rechten zum Erfolg verhilft – und Obama den USA Trump „bescherte“.

Die Demokratie verhält sich wie ein Pendel, sagt Jeffrey Alexander bei einem Kaffee in Wien. Seine These: Immer, wenn eine politische Strömung gesellschaftliche Veränderungen herbeiführt, gewinnt die Gegenbewegung an Bedeutung. So lasse sich auch der aktuelle Aufstieg von Rechtspopulisten in westlichen Demokratien erklären.

Im KURIER-Gespräch erklärt der renommierte US-amerikanische Sozialforscher, warum es ein Fehler ist, Rechtspopulisten grundsätzlich als anti-demokratisch abzustempeln, warum der Einfluss Sozialer Medien auf die Gesellschaft „überschätzt“ wird und der Feminismus „die größte gesellschaftliche Revolution der Geschichte“ ist.

KURIER: Sie forschen viel zum Aufstieg des Populismus, zur zunehmenden Polarisierung in westlichen Demokratien. Zuletzt zeigte sich beides bei der Parlamentswahl in Frankreich deutlich. Sehen Sie das Ergebnis als Sieg der Demokraten und der Zivilgesellschaft?

Jeffrey Alexander: Definitiv. Nach den Europawahlen hieß es, westliche Demokratien würden sich in Richtung Faschismus bewegen – und jetzt ist der Rassemblement National auf dem dritten Platz. Es hat sich herausgestellt, dass Macrons Entscheidung, Neuwahlen auszurufen, richtig war, auch, wenn es für ihn persönlich nicht funktioniert hat.

Ist die Wahl trotz des einzigartigen Wahlsystems in Frankreich ein Beispiel dafür, dass man Rechtspopulisten in Schach halten kann, indem man eine breite Koalition gegen sie bildet – oder macht man sie damit langfristig nur stärker?

Das französische Wahlsystem mit seinen zwei Durchgängen ist ein interessanter Weg, um politische Extremen zu moderieren. Ich denke, es sollte grundsätzlich mehr Koalitionen zwischen Mitte- und Linksparteien geben. 

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Das lehrt uns auch die Geschichte: Dass der Nationalsozialismus in Deutschland so stark werden konnte, lag auch daran, dass die Kommunisten und Sozialisten einander gegenseitig stärker hassten als Hitler. Hätten damals mehr Parteien zusammengearbeitet, glaube ich, hätte der Aufstieg der Nationalsozialisten verhindert werden können.

Warum funktioniert Populismus auf der rechten Seite des politischen Spektrums so viel besser als auf der linken?

Ich denke, um den Erfolg der Rechtspopulisten zu verstehen, muss man anerkennen, dass westliche europäische und nordamerikanische Gesellschaften seit den 1960er Jahren eine kulturelle Revolution durchlaufen haben, hauptsächlich getragen von Frauen und nicht-weißen Menschen. 

privat

Der Yale-Professor Jeffrey Alexander ist einer der weltweit renommiertesten Soziologen. Für die Marie Jahoda Summer School kam Alexander auf Einladung der Universität Wien und des Instituts für Höhere Studien (IHS) für einen Gastvortrag nach Wien.

Der Feminismus ist meiner Meinung nach die tiefgreifendste Revolution der Geschichte. Er hat die sozialen Beziehungen zwischen Männern und Frauen verändert – und die waren in der Menschheitsgeschichte immer gleich: Männer waren über-, Frauen untergeordnet. 

Die Gegenreaktion darauf ist der Maskulinismus, also die Wut von Männern, viele davon aus prekären sozialen Verhältnissen, aus der Arbeiterklasse. Das ist eine Reaktion auf die Revolution der Geschlechter, die damals mit den Frauen begann, aber inzwischen auch von Homo-, Bi- und Transsexuellen getragen wird. Viele rechte Politiker greifen diesen Maskulinismus auf.

Rechtspopulismus ist also heute erfolgreich, weil linke Ideologien jahrzehntelang kulturell tonangebend waren?

Absolut. Es gibt immer Gegenreaktionen auf gesellschaftliche Revolutionen, sie sind unvermeidlich. Das Pendel schwingt sozusagen immer wieder hin und her. Ein weiteres Beispiel war die Öffnung der US-Politik gegenüber der afroamerikanischen …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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