Warum es keine Flugabwehrrakte war, die das Kinderkrankenhaus in Kiew traf

Politik

Russland behauptet, eine ukrainische Flugabwehrrakete sei in das Krankenraus Ochmatdyt gestürzt. Drei Argumente, warum das nicht stimmen kann.

Die Bilder des eingestürzten ukrainischen Kinderkrankenhauses Ochmatdyt in Kiew sorgten weltweit für Entsetzen. Die Ukraine und das UN-Menschenrechtsbüro machen einen russischen Marschflugkörper vom Typ Kh-101 (auch Ch-101) für die schweren Schäden verantwortlich. 

Doch in sozialen Medien und durch die russische Regierung wird ohne Belege eine andere Version verbreitet: Schuld soll eine abgestürzte ukrainische Flugabwehrrakete sein. Ein Faktencheck.

REUTERS/Oleksandr RatushniakDie Behauptung

Eine ukrainische Flugabwehrrakete des Nasams-Systems ist nahe dem Kinderkrankenhaus in Kiew eingeschlagen. Russland kann also nicht für den Angriff verantwortlich sein.

Die Bewertung

Militärexperten widersprechen der Behauptung Moskaus: Derartige Zerstörungen könnte eine Flugabwehrrakete kaum anrichten, eher ein russischer Marschflugkörper vom Typ Kh-101. Ein solcher ist zudem in Videos des Raketeneinschlags zu erkennen.

Die ausführlichen Fakten

In gab es in der Früh des 8. Juli mehrere Raketeneinschläge. Auch ein Gebäude am Ochmatdyt-Kinderkrankenhaus im Nordwesten der Stadt wurde getroffen, wie Fotos ukrainischer Behörden und unabhängiger Journalisten zeigen. Deutlich ist der Teil-Einsturz eines Nebengebäudes zu sehen.

Viele Fenster und Teile der Verkleidung der etwa zehnstöckigen Fassade wurden zerstört. Nach Einschätzung von drei Militärexperten passt dieser Schaden nicht zu der Behauptung, hier sei eine Flugabwehrrakete eingeschlagen, wie sie das ukrainische Nasams-Flugabwehrsystem verwendet.

Argument 1: Flugabwehrrakete verursacht geringere Schäden

Für das Nasams, ein von norwegischen und US-amerikanischen Rüstungskonzernen entwickeltes System, nutzt die Ukraine Flugabwehrraketen vom Typ AIM-120 AMRAAM. Sie besitzen einen Gefechtskopf von etwa 20 Kilogramm Gewicht. 

  "Schlimmer als ich dachte": Britische Gefängnisse quillen über

„Die AIM-120 AMRAAM ist eine Flugabwehrrakete, die dafür gedacht ist, Flugkörper abzuschießen. Der Gefechtskopf ist so designt, dass er neben dem Flugkörper explodiert, sodass die Splitter diesen treffen“, sagt Markus Schiller der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der Experte für Raketentechnik lehrt unter anderem an der Universität der Bundeswehr zu Fernflugkörpern.

Laut Schiller durchlöchern die vielen Metallteile aus dieser Flugabwehrrakete gewissermaßen ihr Ziel. Ein solches Phänomen sei an der Klinik aber nicht sichtbar. 

„Wäre dort eine Flugabwehrrakete eingeschlagen, würde man viele kleine Krater oder Vertiefungen durch die Splitter am Einschlagsort sehen, kein halb eingestürztes Gebäude. Sie würde auch keine so große Druckwelle erzeugen“, sagt Schiller. „Das Schadensbild zeigt eindeutig den Einschlag von etwas Größerem.“

APA/AFP/ANATOLII STEPANOV

Die Schäden am Nebengebäude des Ochmatdyt-Kinderkrankenhauses in Kiew sind enorm.

Zur gleichen Einschätzung kommt auch Fabian Hoffmann, der an Universität Oslo zu Raketentechnik und Nuklearstrategie promoviert. Die Menge an tatsächlichem Sprengstoff in einem 20-Kilogramm-Gefechtskopf eines AIM-120 sei begrenzt. Dieser sei „niemals in der Lage, ein solches Ausmaß an Zerstörung zu verursachen“, sagt Hoffmann der dpa. 

Das Schadensprofil passe zu einem Kh-101-Sprengkopf des russischen Marschflugkörpers, der insgesamt etwa 400 bis 450 Kilogramm wiegt.

Argument 2: Video zeigt Marschflugkörper kurz vor Einschlag

Vom Anflug der Rakete und dem Moment des Einschlags existieren mindestens zwei verschiedene Augenzeugen-Videos. Dass aus leicht unterschiedlichen Winkeln dieselbe Szene gezeigt wird, macht eine Manipulation äußerst unwahrscheinlich. Über die Fassade des Kinderkrankenhauses lassen sich die Videos eindeutig dem Ort des Angriffs zuordnen.

Sieht man sich einzelne Bildausschnitte des Videos vom Anflug der Rakete genauer an, so ist am Heck ein dunkler, rechteckig wirkender Anbau zu erkennen. 

  Orbáns "Friedensmission 5.0": Besuch bei Trump in Mar-a-Lago

Timothy Wright von der Denkfabrik International Institute for Strategic Studies (IISS) erklärt, worum es sich dabei handelt: „Auf dem Video …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.