Afghanisches Nationalteam: Aufstand der Fußballfrauen: „Mit jedem Paragrafen wurden uns mehr Rechte genommen“

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Die 20:0-Klatsche gegen Usbekistan vom 23. November 2018 hätte der Tiefpunkt sein können. Aber es kam schlimmer. Es waren nicht einmal die noch folgenden 5:0- und 6:0-Schlappen. Oder die Erkenntnis, dass es ohne die Kameradinnen aus dem Westen nicht reicht. Eine Woche nach der Auftaktniederlage bei der Zentralasiatischen Meisterschaft, das afghanische Frauennationalteam sitzt noch beisammen, berichtet der britische „Guardian“, dass sich Funktionäre und Betreuer an Spielerinnen und Spielern vergangen haben sollen. Sexuell und körperlich. Ãœber Jahre. Fürchterliche Details sind da zu lesen.

Anderes Weltbild, andere Moral

„Die ersten Geschichten haben wir im Trainingslager in Jordanien gehört, das hat mich geschockt“, sagt Manja Mir, 22, offensive Mittelfeldspielerin. „Die Ausmaße waren schockierend, aber leider muss ich auch sagen, dass mich das nicht richtig gewundert hat. Es herrscht dort schon ein anderes Weltbild und eine andere Moral“, sagt Mina Ahmadi, 21, ebenfalls aus der Nationalmannschaft.Â

Afghanische Frauen stürzen Verbandsspitze, 20.00

Streng genommen sind die beiden keine Nationalspielerinnen mehr. Vielleicht Nationalkickerinnen im Exil. Oder in Warteschleife, auf jeden Fall: gerade nicht im Team. Vor rund einem Jahr waren die Afghanen aus dem Westen aus Protest gegen einen Vertrag zurückgetreten, den sie als Knebel- und Maulkorbzumutung empfunden haben – darunter auch die Teamkapitänin, die in Dänemark lebt. Jetzt, Anfang Januar, sitzen Mina und Manja in einem Café in der Hamburger City und erzählen, wie es zu dieser Geschichte gekommen ist, zu diesem Aufstand im afghanischen Fußballverband, der nicht nur dem Präsidenten den Posten gekostet hat, sondern weltweit die Gemüter berührt.Â

Gerüchte über den Verbandspräsidenten

Im Zentrum des Skandals steht der mittlerweile geschasste Präsident des afghanischen Fußballverbands, Keramuddin Karim. „Ãœber ihn gab es schon Gerüchte“, sagt Mina, „aber das war alles nur Hörsensagen.“ „Allerdings hat er viel Einfluss und deswegen hatten einige Angst vor ihm“, so Manja. Das Gerede war offenbar nicht völlig aus der Luft gegriffen. Der 57-Jährige mit einer dubiosen Vergangenheit soll neben seinem Büro einen hotelzimmerartigen Geheimraum eingerichtet haben, in dem er seine Opfer gelockt und dann missbraucht haben soll. Damit sie schweigen, soll er ihnen Gewalt nicht nur angedroht haben.

Mina Ahmadi

Keramuddin Karim selbst weist alle Vorwürfe zurück und spricht von einer „Verschwörung“ gegen ihn. Doch mit seiner Glaubwürdigkeit scheint es nicht besonders weit her zu sein. Der Verband hat ihn Anfang Dezember aus seinem Amt verbannt. Die Fifa ermittelt, genauso wie afghanische Behörden. Der dänische Trikotausrüster Hummel hat seine Kooperation mit Bekanntwerden der Vorwürfe eingestellt.Â

„Mit jedem Paragraf mehr Rechte genommen“

Karim war es auch, der die aufmüpfigen Spielerinnen aus dem Westen aus dem Team geworfen hat. Ãœber seinen Schreibtisch ging jede Einladung zu Spielen und Trainingscamps. Doch eingeladen wurde keine der Spielerinnen mehr, die ihre Unterschriften unter einen Vertrag verweigert hatten, der ihnen vorschreiben wollte, auf dem Platz Kopftuch zu tragen oder Socialmedia eingeschränkt zu nutzen. Dabei ging es nicht um West-Lifestyle gegen Ost-Gewohnheit. Der Hidschab, so Mina, sei zwar gewöhnungsbedürftig, aber an sich nicht das Problem. …read more

Source:: Stern – Sport

      

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