Der ewige Zyklus: Die vertane Chance des Shiffrin-Interviews

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Die Skirennläuferin spricht im TV über ihre Menstruation, wie es sich gehört: Als wäre es die normalste Sache der Welt. Anstatt nachzudenken, wird gespottet – vor allem über die falsche ORF-Übersetzung.

Es ist ein Fernsehinterview, das natürlich unendlich viel Potenzial für Spott in sich trägt, jedenfalls aber für ungläubiges Kopfschütteln. Mikaela Shiffrin, die seit Dienstag erfolgreichste Skirennläuferin der Weltcup-Geschichte, hatte ihre Müdigkeit live im TV mit ihrem weiblichen Zyklus (Englisch: „cycle“) begründet, was ein ORF-Kollege in der Eile mit Radfahren („cycling“) übersetzte.

An eiliger Häme bis weit unter die Gürtellinie (wie passend, haha!) mangelte es nicht. Das ist insofern nur bedingt angebracht, weil Simultanübersetzung oft heikel, nie aber einfach ist, zumal es sich hierbei um eine eigene, viele Jahre dauernde Ausbildung handelt. Man könnte an dieser Stelle genau so gut fragen, warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk beim Dolmetschen nicht auf Fachpersonal zurückgreift. Führt man sich vor Augen, vor welchen finanziellen Herausforderungen der ORF aktuell und künftig steht, ist die Frage ebenso rasch beantwortet.

Der wahre Skandal

Was mitunter überrascht (und auch wiederum nicht), ist der Spott, den auch die Interviewte in ebenfalls nicht geringen Dosen abbekommt. Das ist der wahre Skandal an dem fast schon beiläufigen Satz. Denn das Gespräch zeigt, dass das Thema in der Gesellschaft noch immer viel zu oft tabuisiert oder – schlimmer – gar nicht erst ernst genommen wird.

Erst im Frühsommer 2022 hatte die spanische Regierung ein Gesetz verabschiedet, dank dem Frauen mit starken Menstruationsbeschwerden zusätzlich bezahlte Krankentage erhalten. Fast schon erwartbar waren einige Reaktionen, die von blankem Unverständnis bis zu plumpen Witzen reichten.

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Dass bei dieser bemerkenswerten Interviewsequenz eine Chance vertan wurde, ist augenscheinlich wie traurig. Echauffiert wird sich über die Unzulänglichkeiten der Angestellten im „Staatsfunk“, anstatt ein alle Gesellschaftsbereiche umfassendes Problem (nicht den weiblichen Zyklus an sich, sondern den Umgang damit) zu diskutieren.

Auch im Sport wird dieser, der Leistung nicht förderliche Umstand immer noch oft tabuisiert und selten erforscht. Vermutlich auch, weil es sich um eine „Sache“ handelt, die nur das „schwache Geschlecht“ betrifft. Mit Mikaela Shiffrin hat erstmals eine echter Superstar aus der Sportwelt dazu Stellung genommen. Und zwar so, wie es sich gehört: Als wäre es die normalste Sache der Welt. 

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Source:: Kurier.at – Sport

      

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