„Arbeitskräfteknappheit wird massives Problem für Sozial- und Pensionssystem“

Wirtschaft
Börsianer Salon

Wirtschaftsforscherin Köppl-Turyna warnt vor weniger Arbeiten. Wie Strabag-Chef Birtel mehr Frauen rekrutieren will

Der Mangel an Arbeitskräften wird zur Wachstumsbremse. Der Arbeitsmarkt ändert sich derzeit radikal, die Österreicher wollen immer weniger und immer kürzer arbeiten, waren sich die Experten im Börsianer Salon am Mittwoch einig.

Der Trend ist allerdings nicht ganz neu. Bereits seit zehn Jahren würde die strukturelle Arbeitslosigkeit steigen, und gleichzeitig die Zahl der offenen Stellen, konstatierte Monika Köppl-Turyna, Direktorin des EcoAustria Instituts für Wirtschaftsforschung. Der Trend zu mehr Freizeit habe sich seit der Corona-Krise verstärkt, auch bei jungen Leuten. Zudem wandern im Tourismus Arbeitskräfte in andere Branchen ab oder verlassen Österreich, der Zuzug fehlt. Weniger Arbeiten werde „zum massiven Problem im Sozial- und Pensionssystem. Die Österreicher arbeiten im internationalen Vergleich ohnehin sehr kurz“, sagte die Wirtschaftsforscherin.

Zwischen 2030 und 2040 werde sich dieser Effekt am stärksten auswirken, wenn die Generation der Babyboomer in Pension geht.

Gesundheitssystem

„Wir werden es nicht schaffen, weniger Leute in Vollzeit-Jobs zu bringen, daher werden wir länger arbeiten müssen“. Köppl-Turyna kritisierte in diesem Zusammenhang das heimische Gesundheitssystem als „inakzeptabel“. Zuviel Geld würde in den stationären Bereich investiert, zu wenig Mittel in die Prävention. Die Expertin warnte auch davor, dass der Trend zum Homeoffice „mittelfristig eine gefährliche Entwicklung für die Karriereverläufe ist“. Man müsse aufpassen, dass sich Männer- und Frauenkarrieren nicht noch weiter auseinander entwickeln würden.

Als Lösungen zeigte Köppl-Turyna längeres Arbeiten auf und plädierte für die Erhöhung nicht nur des faktischen, sondern auch des gesetzlichen Pensionsantrittsalters. Auf der Einnahmenseite des Pensionssystems sei es notwendig, mehr Menschen in Arbeit zu bringen und durch Effizienz- und Produktivitätssteigerung die Löhne zu erhöhen.

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KURIER / Jeff Mangione

Strabag-Chef Thomas Birtel

Die Baubranche sei vom Arbeitskräftemangel besonders betroffen, schilderte Strabag-CEO Thomas Birtel. Nur rund 14 Prozent der weltweit 74.000 Mitarbeiter sind Frauen. Derzeit seien 3841 Stellen im Konzern unbesetzt.

Bauroboter

Die Bauwirtschaft müsse „für Frauen attraktiver werden“, betonte Birtel. Schwierig, bei der starken Dezentralisierung (11.000 Baustellen) und den Unbillen des Wetters. Die Branche schaffe neue Berufsbilder durch Digitalisierung und die Industrialisierung des Bauens. Als Beispiele nannte Birtel den Einsatz von Robotern, etwa für Maurer- oder Bohrtätigkeiten.

Die Mitarbeiter, die man rekrutieren könne, müssten künftig mehr leisten. Auch um Sozial- und Pensionssystem auf Dauer zu finanzieren, argumentierte der Strabag-Chef. Die Strabag baue das Weiterbildungsangebot stark aus und habe ein Ausbildungszentrum für rund 250 junge Mitarbeiter, die dort bei idealen Bedingungen trainieren könnten, „ohne dem Stress auf Baustellen ausgesetzt zu sein“.

Der Umgang mit Mitarbeitern müsse überdacht werden, argumentierte BDO-Partnerin Daniela Heilinger. „Mitarbeiter sind keine Bittsteller, sondern adäquate Geschäftspartner“. Besonders wichtig sei es, „nichts zu versprechen, was nicht gehalten wird“.

Der Börsianer Salon ist eine Initiative zur Förderung von Frauen auf dem Finanzplatz Österreich. Top-Expert*innen diskutierten über aktuelle Themen und versuchen, Lösungen für den beruflichen Alltag zu liefern.

andrea.hodoschek@kurier.at

KURIER / Jeff Mangione

Börsianer Salon: Monika Köppl-Turyna (EcoAustria), Thomas Birtel (Strabag), Angela Fleischlig-Tangl (VIG), BDO-Partnerin Daniela Heilinger (von links)

andrea hodoschek@kurier.at

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Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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