Interview: „Wir haben den Zugang zu unserem Mitgefühl verloren“

Wirtschaft

Andrea Mikisch gründete in der Krise das Unternehmen „Neubeginn-jetzt“, das auf ehrenamtlicher Basis Menschen zur Seite steht, die mit den derzeitigen Veränderungen schwer zu kämpfen haben.

KURIER: Sie haben in der Krise mit wenigen finanziellen Mitteln ein Unternehmen gegründet. Sechs Lebens- und Sozialberater und Sie beraten Menschen per Telefon, die in diesen Zeiten nicht mehr weiter wissen, verzweifelt sind und voller Ängste. Zusammen mit ihrem Team helfen Sie ehrenamtlich und verdienen keinen Cent dabei. Was hat Sie dazu bewegt?

Andrea Mikisch: Vor einigen Monaten hat mich ein Bekannter angerufen und gesagt: ’Andrea, ich bin so verzweifelt, ich mag nicht mehr leben.’ Da wusste ich, es ist die Notwendigkeit gekommen, zu handeln. Überall sind die Praxen voll von Menschen, die nicht mehr alleine zurechtkommen und wir helfen gerne, weil es uns am Herzen liegt.

Was für Probleme haben die Leute, die sich bei Ihnen melden?

Es rufen Menschen an, die an Existenzängsten leiden, die keinen Job mehr haben oder Angst haben, ihn zu verlieren. Es rufen alte Menschen an, die durch Corona in der Isolation gelandet und jetzt sehr einsam sind. Es rufen aber auch Menschen an, die die Wahrheit von der Unwahrheit nicht mehr unterscheiden können und sich in Verschwörungstheorien verlieren. Und es rufen Menschen an, die jahrelang auf Biegen und Brechen Karriere gemacht haben, weil sich das eben so gehört und jetzt ihr Leben hinterfragen und auf der Suche nach einer Beschäftigung mit Sinn sind.

Wie kann man diesen Menschen per Telefon helfen?

Sie brauchen jemanden, der offen und wertfrei zuhört. Sie brauchen Nähe und Mitgefühl, Fürsorge und keinen vorgefertigten Ratschlag oder eine schnelle Palette an rationalen Lösungen. Wir schaffen einen Raum auf Augenhöhe, wo sich jeder ausdrücken kann, wie er will. Schimpfen. Weinen. Dampf ablassen. Alles darf sein.

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Inwiefern hilft das einen Arbeitslosen, wieder einen Job zu finden?

Dazu muss ich ein wenig ausholen. Unsere Gesellschaft hat gelernt, zu funktionieren. Die meisten von uns haben aber keine innere Stärke entwickelt. Die meisten beziehen ihre Stärke durch Geld, materielle Güter, ihre Karriere, durch das, dass sie jemand sind oder sie beziehen ihre Stärke durch ihre Partnerschaft. Das Problem ist: Diese Stärke ist sehr verwundbar. Wenn sie im Außen zerbricht, was jetzt in der Krise passiert, ist die Stärke weg und alles unter einen bricht wie dünnes Eis zusammen. Dann kommt Angst und Panik sowie der Gedankensturm. Die Gedanken gehen in die Zukunft: ’Wenn ich den Job verliere, kann ich die Rechnungen nicht mehr bezahlen, dann verliere ich die Wohnung und vielleicht auch meinen Partner.’ Massive Emotionen entstehen und man gerät in eine Art Schockstarre. Da kommst du alleine kaum mehr raus und brauchst jemanden neben dir, der fest und stabil steht und dich unterstützen kann. Wir helfen in einem ersten Schritt, aus dieser Starre und aus der Angst zu kommen. Damit wieder Hoffnung und Kreativität entstehen kann. Ansonsten trifft man keine oder nur chaotische Entscheidungen.

Aber braucht es nicht einen Plan, um aus der persönlichen Krise zu kommen?

Unser Verstand sagt: ’Ich brauche den großen Plan und wenn ich den habe, mache ich meine Schritte.’ Die meisten Menschen scheitern …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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