Wifo-Chef Felbermayr: Gewerkschaftsforderungen möglicherweise zu hoch

Wirtschaft

Das BIP als Berechnungsgrundlage könnte den Ausgangspunkt für die Lohnverhandlungen verzerren.

Als Grundlage für die Bemessung der Lohnforderungen ziehen die Arbeitnehmervertreter in Österreich traditionell zwei ökonomische Größen heran: Die Inflation und das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Unter anderem damit argumentieren die Gewerkschafter auch das verlangte Plus von 10,6 Prozent für die beginnende Herbstlohnrunde. Die Forderungen könnten mit Blick auf das BIP aber überzogen sein, sagte Wifo-Chef Gabriel Felbermayr zum „Standard“.

Auf Basis der aktuellen Entwicklungen – eine hohe Teuerungsrate trifft auf relativ gute Konjunkturprognosen für das laufende Jahr – hatten die Arbeitnehmervertreter am vergangenen Montag ihre Forderungen kundgetan. In Frage stellt der Ökonom dabei jenen konkreten Wert, den die Gewerkschaften für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ins Feld führen. Zu unterscheiden ist das nominelle vom realen BIP. Orientierungspunkt für die Verhandlungen ist das reale BIP, das – etwas vereinfacht – dem inflationsbereinigten Wert aller im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen entspricht.

Importierte Inflation

Berechnet wird das reale BIP anhand des sogenannten „BIP-Deflators“. Das Problem daran: Es fließen nur die Werte von inländischen Gütern in die Berechnung ein. Dabei ist die aktuelle Teuerung, wie sie in den Verbraucherpreisen gemessen wird (VPI) großteils durch den enormen Preisauftrieb bei importierten Gütern („importierte Inflation“), etwa den hohen Preisen für Strom und Gas, begründet.

Die Verbraucherpreis-Inflation wird damit aber de facto nicht zur Gänze aus dem BIP herausgerechnet. Wenn die inländischen Preisanstiege stark von jenen im Ausland abweichen, wie das jetzt Fall sei, könne sich die Aussagekraft dieser BIP-Berechnung für das Wachstum relativieren, erklärte Felbermayr bereits zuletzt gegenüber dem „Kurier“.

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Berücksichtige man diese statistischen Überlegungen, dann betrage das Wachstum der Kaufkraft heuer nur 1,5 Prozent statt 4 Prozent, wie es das reale BIP-Wachstum glauben lässt, rechnete Felbermayr dem „Kurier“ vor. „Wir haben also tatsächlich ein Kaufkraft-Thema, obwohl die BIP-Entwicklung gut aussieht.“

Gegenüber dem „Standard“ (Donnerstagsausgabe) fasste es Felbermayr wie folgt zusammen: „Der wirtschaftliche Kuchen, den sich Arbeitgeber und -nehmer aufteilen, ist kleiner, als wir glauben.“ Dieses Faktum solle bei den Forderungen der Gewerkschaft nicht unberücksichtigt bleiben, so der Wifo-Chef.

Der Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) kann mit dieser Sicht naturgemäß wenig anfangen. „Diese Diskussion beruht auf einer sehr statischen Betrachtungsweise“, sagte Helene Schuberth, ÖGB-Chefökonomin zum „Standard“. So hätten viele Unternehmen schon vor der Energiekrise begonnen, ihre Preise zu Lasten der Kunden zu erhöhen. Die geforderten Lohnerhöhungen könnten deshalb in den Gewinnen der Unternehmen absorbiert werden, so Schuberth.

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Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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